In einer Welt, die von Krisenmeldungen und Stress dominiert wird, vergessen wir oft eine entscheidende Frage: Was läuft eigentlich gerade richtig?
Wir alle kennen das: Am Ende eines langen Arbeitstages bleiben uns oft nur die Dinge im Kopf, die schiefgelaufen sind. Der verpasste Termin, die schroffe E-Mail vom Kollegen oder das ausgefallene Training. Psycholog:innen nennen dies den „Negativity Bias“ – unsere evolutionär bedingte Neigung, Gefahren und Fehlern mehr Gewicht beizumessen als positiven Erlebnissen.
Warum unser Gehirn nicht glücklich sein will
Unser Gehirn ist kein Glücksorgan, sondern ein Überlebensorgan. In der Evolutionsgeschichte war es wichtiger, den Säbelzahntiger im Gebüsch zu erkennen, als die schöne Blume am Wegesrand zu bewundern. Das führt dazu, dass negative Erlebnisse etwa fünfmal stärker wahrgenommen werden als positive. Wenn wir uns also ständig auf „das, was schief läuft“ konzentrieren, befindet sich unser Körper in einem chronischen Alarmzustand. Cortisol und Adrenalin dominieren den Stoffwechsel. Um langfristig gesund zu bleiben, müssen wir diesen biologischen Autopiloten aktiv überschreiben.
Was ist bereits gut?
Um den biologischen Autopiloten des Negativ-Fokus zu durchbrechen, setzt der Psychiater Dr. Paul Conti auf einen radikalen Perspektivwechsel: Weg von der Frage, was uns fehlt, hin zu dem, was bereits vorhanden ist. Anstatt Probleme ins Zentrum zu rücken, analysiert sein Ansatz, was im Leben bereits gut läuft, um diese positiven Mechanismen auf alle anderen Lebensbereiche zu übertragen.
Entdecken Sie Ihren schöpferischen Antrieb: Der Schlüssel zu seelischer Stabilität liegt in einer oft übersehenen inneren Ressource: dem Generative Drive (dem schöpferischen, generativen Antrieb). Dieser Antrieb wohnt jedem Menschen inne und ist das Gegenstück zur permanenten Selbstoptimierung. Wenn Sie diesen schöpferischen Kern aktivieren, fördert dies: innere Ruhe und Zufriedenheit, echte Lebensfreude, sowie die Fähigkeit, Herausforderungen kreativ zu bewältigen.
Handeln Sie sinnstiftend
Psychische Gesundheit bedeutet laut Conti nicht die Abwesenheit von Problemen, sondern die Stärke, die man aus dem Umgang mit ihnen zieht. Nutzen Sie Ihren inneren Antrieb, um sinnstiftend zu handeln und eine Verbindung zu Ihren bereits vorhandenen Stärken aufzubauen.
Praxis statt Perfektionismus: Verabschieden Sie sich von dem Druck, sich ständig optimieren zu müssen. Contis Methode verbindet neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Übungen, um den Zugang zu diesen inneren Kräften zu finden. Das Ziel ist eine emotionale Stabilität, die es Ihnen ermöglicht, nicht nur zu überleben, sondern ein erfülltes Leben zu führen.
„Sie sollen dabei unterstützt werden, Ihre mentale Gesundheit so weit zu stärken, dass Sie nicht nur Ihre persönlichen Herausforderungen bewältigen, sondern auch Stärke aus der Art und Weise ziehen können, wie Sie mit Ihren Problemen umgehen.“ – Dr. Paul Conti
Ressourcen-Analyse
Anstatt, wie in der klassischen Problemfokussierung, nur Defizite zu betrachten, blickt Conti darauf, was bereits vorhanden ist. Es wird analysiert, welche Lebensbereiche stabil sind und warum diese Dinge gut laufen. Welche inneren Haltungen oder Handlungen führen dort zum Erfolg? Das Ziel ist es, eine bewusste Verbindung zu den Stärken aufzubauen, die Sie bereits besitzen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr „Was fehlt mir?“, sondern „Was ist schon da?“. Diese Erkenntnisse und Mechanismen werden gezielt auf jene Bereiche übertragen, in denen Sie bisher vor Herausforderungen standen.
Beispiel: Vom Hobby-Erfolg zur beruflichen Gelassenheit: Stellen Sie sich vor, Sie leiden unter enormem Stress bei der Arbeit (das Defizit), sind aber gleichzeitig ein leidenschaftlicher und erfolgreicher Hobby-Gärtner (das, was bereits gut läuft). Anstatt nur auf den Arbeitsstress zu starren, analysieren Sie, warum es im Garten so gut läuft. Im Garten sind Sie zum Beispiel geduldig, akzeptieren Rückschläge (wie Unwetter) und freuen sich über kleine Fortschritte.
Generative Drive
Sie wissen, dass Pflanzen Zeit zum Wachsen brauchen und man nichts erzwingen kann. Dies ist ein Ausdruck Ihres generative drive – Sie handeln schöpferisch und sinnstiftend, ohne sich permanent selbst zu optimieren. Sie reagieren flexibel auf äußere Einflüsse, anstatt in Panik zu geraten. Nun übertragen Sie diese „Garten-Mentalität“ gezielt auf Ihren stressigen Job: Wenn ein Projekt bei der Arbeit stockt, rufen Sie sich die Geduld aus der Gartenarbeit wach.
Sie sagen sich: „Ein Projekt braucht Pflege und Zeit, genau wie meine Pflanzen.“ Anstatt zu fragen „Warum schaffe ich das Pensum nicht?“ (Mangel), fragen Sie „Welche meiner organisatorischen Fähigkeiten aus dem Garten kann ich hier nutzen?“ (Fülle). Dies ist kein einmaliger Gedanke, sondern eine ständige Praxis: Jedes Mal, wenn der „Negativity Bias“ (der Alarmzustand) einsetzt, unterbrechen Sie ihn aktiv durch die bewusste Verbindung zu Ihren Garten-Stärken. Dadurch stärken Sie Ihre mentale Gesundheit so weit, dass Sie Stärke aus der Art und Weise ziehen, wie Sie mit dem Arbeitsstress umgehen.