Aufführung

"Heldenplatz" in Innsbruck: Aktuelles Ex-"Skandalstück"

Inszenierung setzt Thomas Bernhards Stück neu um  

Die Innsbrucker Inszenierung von Thomas Bernhards "Skandalstück" "Heldenplatz" hat Samstagabend im Großen Haus des Tiroler Landestheaters Premiere gefeiert. Mit einem Chor "besorgter Bürger" - der Texte von Elias Hirschl rezitiert - und Musikstücken von Mira Lu Kovacs ("My Ugly Clementine") erhält der nach wie vor teils aktuelle Stoff ein modernes Gewand. Seine Kraft zieht das Stück nach wie vor aus den von einem überzeugenden Ensemble vorgetragenen "Hasstiraden" Bernhards.

Theaterskandal  

Der Inhalt des Theaterstücks ist spätestens seit der Uraufführung im Jahr 1988, die einen veritablen Theaterskandal auslöste und die politischen sowie gesellschaftlichen Wogen hochgehen ließ, weithin bekannt: Der jüdische Professor Josef Schuster hat sich vor kurzem aus dem zum Wiener Heldenplatz gerichteten Fenster seiner Wiener Wohnung gestürzt. Die Angehörigen und Hausangestellten Schusters unterhalten sich rund um dessen Begräbnis über die Zustände, die den Intellektuellen in den Tod getrieben haben - allen voran die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit und der nach wie vor brodelnde Antisemitismus und Faschismus, der jeden Moment durchzubrechen droht. Wenngleich erst spät persönlich auf der Bühne anwesend, steht dabei die Frau des Verstorbenen im Zentrum. Sie hört in ihren Ohren die Adolf Hitler zujubelnden Massen am Heldenplatz dröhnen und wird dadurch letztendlich in den Wahnsinn getrieben.

Heldenplatz
© APA/TIROLER LANDESTHEATER/MARCELLA RUIZ CRUZ

Zweifarbiges Bühnenbild transportiert Botschaft

Der "Übertreibungskünstler" Bernhard lässt seine Charaktere dabei regelrechte Hasstiraden über Österreich, dessen Bewohner und Institutionen abladen. So ist das Land weiterhin eine "Bühne, auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist", unmittelbar vor der Rückkehr eines "Regisseurs" stehend, der dieses in den Abgrund stürzen wird. Auch wenn die Empörung und der Skandal, den "Heldenplatz" rund um dessen Entstehung und Uraufführung am Wiener Burgtheater losgetreten hatte, weit entfernt scheinen, so haben Bernhards Texte im Kern ihre Aktualität behalten. Warnungen vor einem "starken Mann", Kritik an Untätigkeit gegenüber bedenklichen Entwicklungen und Verlogenheit hallen bis heute nach.

Überzeugendes Schauspielensemble 

Über die rotierende Innsbrucker Bühne schallen lässt diese in der Inszenierung von Jessica Glause am Landestheater ein überzeugendes Schauspielensemble. Dabei sticht der - wenngleich auch für diese Rolle jung erscheinende - überzeugende Christoph Kail als Professor Robert Schuster, Bruder des Verstorbenen, heraus. Alle auf der Bühne Stehenden vermögen es indes, die Texte angemessen kraftvoll und an den richtigen Stellen mit kühlem Zynismus vorzutragen. Die Kostümierung lässt die Darsteller sichtbar Last auf den Schultern tragen, das grau-rosa Bühnenbild unterstreicht die Botschaft der tristen Vergangenheit und des bedrohenden Hintergrundrauschens übertüncht von Naivität - eine Welt, die ihre Augen und Ohren vor der Realität verschließt.

Bürgerchor mit Warnung vor Passivität

 Passend dazu sind nicht nur die zum Abtransport bereiten Möbel in der Wohnung des Verstorbenen verhüllt, sondern auch die Statue von Erzherzog Carl am Heldenplatz - und insbesondere die Augen von Ross und Reiter. Der vom Wiener Autor und Poetry-Slammer Hirschl mit Worten ausgestattete Bürgerchor mahnt indes eindringlich vor einer um sich greifenden und durch eine allgemeine Unzufriedenheit ausgelösten Passivität angesichts aufkeimender Bedrohungen. Während die Texte Hirschls die Botschaft Bernhards unterstreichen und stellenweise ergänzen, tragen die eingeschobenen Lieder von Kovacs zwar zur Abwechslung, aber wenig Substanzielles zum Inhalt des Stücks bei.

 Abseits dieser modernen Elemente wie auch Videoinstallationen wirken die Texte indes zeitweise entrückt und aus der Zeit gefallen. Wenngleich Mahnungen vor aufkeimenden autoritären Tendenzen, die auf einen fruchtbaren gesellschaftlichen Boden fallen, heute ebenso aktuell sind wie 1988, sind die Zustände aktuell doch andere als vor 40 Jahren. Ursprünglich hatte Bernhards Stück eben auch durch seine Rezeption seine Durchschlagskraft erhalten. Die allumfassende, selbstentlarvende Empörung hatte Bernhard bestätigt und die Inhalte umso weiter im Land verbreitet. Heute wird ebenjene Empörung wohl ausbleiben, ironischerweise gerade zu einer Zeit, in der entsprechende Mahnungen vielleicht umso lauter gehört werden sollten.

Das Premierenpublikum am Tiroler Landestheater quittierte die Neuinszenierung des "Heldenplatz" jedenfalls mit lautem Applaus und vereinzelten "Bravo"-Rufen. Insbesondere Kail sowie Julia Posch, die mit der Anna eine der Töchter von Robert Schuster verkörpert, sowie Marie-Therese Futterknecht als Frau Zittel, holten sich verdiente Beifallsbekundungen ab.

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