Reise-Tipps
Die zwei Gesichter Indiens
Armut und Luxus, Leben und Tod, Mystik und harte Realität. Die ORF-Lady Carolyn Aigner erzählt von ihrer bewegenden Indien-Reise.
Zwischen Jasmin und Urin
Menschen, Menschen, überall Menschen!
Wer in der Metropole Mumbai ankommt erlebt einen Frontalangriff auf alle
Sinne. Es ist laut: Hupen, Dröhnen und Rattern der skurrilsten
Fortbewegungsmittel. Kühe, Straßenkinder, bellende Hunde mitten im
Verkehrschaos. Reichtum und Armut auf engstem Raum. Im Schmutz spielende
Kleinkinder neben einem elitären englischen Cricket Club. Menschen liegen am
Straßenrand zwischen Dreck und Müll, Lebendige und Tote. Luxuslimousinen mit
verdunkelten Scheiben stauen sich, im niemals enden wollenden Verkehrschaos,
an ihnen vorbei. Am Crawford Market, mit seinen völlig unüberschaubare Läden
und Geschäften, herrscht ein dichtes Gewusel. Dazwischen bis oben beladene
Transportkarren und natürlich auch streunende Kühe, die nach Essen suchen.
Während Augen und Ohren das alles zu verarbeiten versuchen, wird mein
Geruchssinn bombardiert: Es stinkt. Nach Abfällen, Fäkalien, Abgasen und was
weiß ich was. Dann duftet es wieder. Nach Gewürzen, Räucherstäbchen und
indischem Essen, das an allen Ecken zubereitet wird. Die einzige Möglichkeit
diesem Bombardement auf die Sinne zu entkommen, sind Luxushotels. Wie zum
Beispiel das Leela Kempinsky. Mit ihren Luft- und Schalldicht verschlossenen
Fenstern bilden sie eine sichere Luftblase zum verschnaufen.
Varanasi am heiligen Fluss
Mit der aufgehenden Sonne miete ich
ein Boot und gleite langsam den Ganges entlang. Ich bin verzaubert, wie in
Trance. Erfüllt von mystischer Magie in einer surrealen Welt.
Glockenklänge, Trommelschläge, Gebetsgemurmel und Gesänge von hunderten Gläubigen vermengen sich zu einer esoterischen Geräusch-Kulisse. An den Ufern tummeln sich unzählige Pilger beim rituellen Bad. Frauen in schillernden Saris werfen bunte Blumen als Opfergaben in die trübe Brühe. Heilige Männer begrüßen in unterschiedlichsten Yoga-Stellungen den neuen Tag. Ein sanfter Wind paart den Duft von Räucherstäbchen und Blüten mit dem faulen Gestank der Müllhaufen, die sich an allen Ecken ansammeln.
Plötzlich erscheint eine Gruppe Sadhus, Priester, in orangefarbene Roben gekleidet und mit grauen Bärten. In einer Sänfte tragen sie den leblosen Körper eines alten Mannes zum Ufer.
Täglich werden rund 100 Leichen am Ufer des Ganges verbrannt. Nur Lepra-, Pockentote und Opfer von Schlangenbissen werden versenkt.
Varanasi ist täglich Ziel von rund 60 000 gläubigen Hindus. Den Tod am heiligen Ganga zu finden, bedeutet Erlösung. Hindus, die hier verbrannt werden, verlassen ihrem Glauben nach den Kreislauf der Wiedergeburten. Deswegen ist die Stadt voller Pilgerhäuser mit alten und kranken Menschen, die hier sterben wollen. Diese Atmosphäre kann einen Europäer traumatisieren, zumal auch die Gassen der Stadt mit tausenden Alten und Kranken, Bettlern, Leprösen, Verkrüppelten und Straßenkindern gefüllt sind. Und trotzdem könnte ich stundenlang auf den Treppen zum Fluss sitzen und bekäme von dem farbigen Treiben nicht genug.
Entschleunigung im Luxus
Nach einer 15 stündigen Aneise mit
Flugzeug, Bahn und Jeep erreiche ich die Luxus-Safari-Lodge Mahua Kothi. Für
rund U$ 600.- pro Person und Nacht steigen hier die Superreichen ab. Ich bin
eingeladen. Das Ressort verfügt nur über 12 Suiten die im Stil der
Dschungel-Dorfhütten „Kutiyas“ erbaut wurden. Eine Mischung aus Lehmhütte
und Villa, die mitsamt ihrer feudalen Ausstattung eher afrikanisch anmutet.
Für jeden Gast steht ein persönlicher „24 Stunden Butler“ bereit. So gehört
es etwa zum Standardservice, abends nach der Rückkehr von einer
anstrengenden Safari, in der Suite ein heißes Schaumbad mit Kerzenschein
vorzufinden.
Die Lodge liegt im Bandhavgarh Nationalpark, der die größte Tigerpopulation Indiens beherbergt. Langsam holpern wir im Geländewagen durch das Naturschutzgebiet. Ich tauche völlig in die Natur Zentralindiens ein: eine Stille, die nach Tagen in den lärmenden, überfüllten Straßen Indiens wie ein Streicheln der Seele wirkt. Eine Landschaft, geprägt von tropischen Wäldern, hohen Felsen, weiten Ebenen und üppigen Laubwäldern mit seltsamen Baumgebilden, die wie versteinerte Aliens anmuten. Wildtiere en gros: Leoparden, Hirsche, Rhesusaffen, Pfaue und eine Vielzahl an Vögeln. Aber kein Tiger!
Ruf der Wildnis
Neuer Tag, neue Chance. Noch vor Sonnenaufgang
und bei nur 5 Grad Celsius besteige ich unseren Jeep. In dicke Decken
gehüllt und eine Wärmeflasche auf den Knien, beginnt die erneute Jagd nach
den Großkatzen. Diesmal mit Erfolg. Nach kurzer Zeit ortet unser Naturführer
Warnschreie von Affen und Vögeln. Wir nehmen die Fährte auf. Im Licht der
aufgehenden Sonne durchforschen wir im Vorübergleiten die Landschaft, so wie
man die Seiten eines Buches überfliegt auf der Suche nach einem bestimmten
Wort. Und wirklich - plötzlich treten zwei Prachtexemplare aus dem Dickicht.
Satt gefressen und zufrieden lassen sie sich divenhaft nur ein paar Meter
vor dem Jeep nieder. Gespenstische Stille. Mein Puls rast. Es ist ein
unvergessliches Erlebnis wenn einem so ein 250kg schwerer, frei lebender
Königstiger minutenlang in die Augen sieht. Und man dabei nicht vergisst auf
den Auslöser zu drücken.
Reise-Info: Bandhavgarh- Madhya Pradesh
Eines ist sicher: Einen Urlaub in Indien vergisst man nie!
Bilder: (c) Privat
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