Mütter ohne Muttergefühle. Auf #regrettingmotherhood geben Mütter zu: Wir bereuen die Entscheidung, Mama geworden zu sein. Alles zum Tabubruch.
Während der Schwangerschaft habe ich mich unbändig auf das Kind gefreut. Und als es dann da war, fühlte ich: Das war ein Fehler. Keine Zeit mehr für mich. Ewig der gleiche Ablauf aus wickeln, stillen, beruhigen. Schlafmangel. Und der Gedanke. War’s das schon? Wird das jetzt ewig so weitergehen?“ F. ist 32 und wünschte sich damals, nie Mutter geworden zu sein. Auch L. (28) würde ihre Entscheidung sofort revidieren, gäbe es ein Zurück. „Ich könnte auf meine Kinder verzichten. Auf beide. Ich weiß, es ist ganz schrecklich, so etwas zu sagen, und sie werden es auch nie erfahren, weil sie es nie verstehen könnten. Ich liebe sie auch sehr. Aber ich könnte auch ohne sie auskommen!“
Die zwei Wienerinnen, die bei uns das eigentlich Unsagbare bekennen, stehen nicht alleine. Denn so oder so ähnlich lauten auch die Aussagen von Müttern in der israelischen Studie der Soziologin Orna Donath zum gesellschaftlich verpönten Phänomen: „Regretting Motherhood“ (= die Mutterschaft bereuen). In der Studie gestehen 23 Mütter zwischen 20 und 70 Jahren in ehrlichen Interviews, dass sie es bereuen, Mütter geworden zu sein. Sie sagen: „Ich würde mich nicht mehr für Kinder entscheiden!“
Tabubruch. Starker Tobak jedenfalls. Kein Wunder, dass in sozialen Netzwerken und Blogs die Wogen hochgehen und unter dem Hashtag #regrettingmotherhood heftig diskutiert wird. Viele verurteilen die Mütter ohne Muttergefühle, andere meinen: „Endlich wird einmal ehrlich diskutiert.“ Oder: „Es ist ein Tabubruch, wenn Mütter erklären, dass Kinder großziehen nicht die Erfüllung ihres Lebens ist. Mütter müssen Übermenschen sein. Sie dürfen niemals müde, schlecht gelaunt, gereizt, krank, überfordert sein“, heißt es beispielsweise im feministischen Blog Die Störenfriedas. „Das Konzept der Mutterschaft selbst ist, stelle ich nach knapp sieben Jahren fest, nicht meins“, heißt es im Mutterblog Herzgespinst. „Ich bin jemand, der das Alleinsein braucht wie die Luft zum Atmen. Ich hasse es, mich unfrei zu fühlen oder gar unfrei zu sein, Rechenschaft ablegen, mich sklavisch an Termine halten zu müssen.“ Auch Twittermeldungen à la: „Ich empfinde den Dialog um regrettingmotherhood wunderschön. Diese Ehrlichkeit ist hoffentlich ein weiterer Schritt zur Befreiung der Frau!“, zeigen viel Verständnis für die scheinbar längst überfällige Debatte um den heiligen Gral Mutterschaft.
Große Umstellung. Nataly Bleuel kann viele bittere Gefühle nachvollziehen. In Ich will raus hier (erschienen im Herder-Verlag um 17,99 Euro) schreibt die Journalistin und Mutter zweier Kinder von der Sehnsucht nach mehr, von der Frage „Wozu das alles?“ und von ihrer persönlichen Revolution nach einem Burnout. Ihr gab eine Reise in die zentralasiatische Steppe – ganz allein – neue Perspektiven. Nataly Bleuel hat, fernab vom Alltag, in Souks und auf Hammelmärkten wieder gelernt, frei zu sein und eine neue Haltung anzunehmen. „Ich bin gelassener geworden und keife nicht mehr herum!“, sagt Bleuel heute. „Das tue ich nicht mehr: Vor lauter Stress und Druck und Überforderungsgefühl zetern und brüllen!“
Ihre Mutterschaft hat sie hingegen nie bereut. „Ich bin wahnsinnig froh, dass ich Kinder bekommen habe. Aber ich verstehe dieses Gefühl, sich nicht mehr frei zu fühlen. Es ist eine große Umstellung für Frauen, wenn sie, wie ich mit Mitte 30, Kinder bekommen und vorher immer nach ihrer eigenen Pfeife tanzen konnten. Zudem ist es eine sehr große Belastung, wenn man als Familienzelle mit Beruf, Kindern, Haushalt allein klarkommen muss. Daraus folgt aber nicht, dass die Kinder ein Fehler waren. Sondern der Fehler liegt im System. Politik, Wirtschaft, Partner und Ideologie müssen es ermöglichen, dass Frauen Beruf, Kinder und Freiheit leben können!“
Schrei-Baby. „Mein Sohn war das absolute Wunschkind. Als er auf die Welt kam, war ich überglücklich. Aber dann ging es los: Er brüllte Tag und Nacht, ließ sich nur beruhigen, wenn ich ihn stundenlang herumgetragen habe. Die Nächte waren der reine Horror. Auch meinem Mann, der sich nächtens zunächst mit mir abwechselte, wurde es bald zu viel. Er übersiedelte ins Gästezimmer, meinte, er müsse im Büro ausgeschlafen sein. Ich ließ mich immer mehr gehen, weil ich zu nichts kam. Lernte in 5 Minuten zu duschen, weil mein Sohn nie länger als 5 Minuten zu schreien vergaß. In dieser Zeit dachte ich so oft: Wird das nie aufhören? Soll das alles gewesen sein? Warum habe ich dich nur so stark gewollt? Heute ist mein Sohn 2 Jahre und ein Sonnenschein. Aber das erste Jahr war wirklich das schlimmste meines Lebens!“
"PERFEKTIONISMUS ÜBERFORDERT MÜTTER!"
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