Roland Weißmann klagt den ORF und zwei Lager kämpfen jetzt unerbittlich am Küniglberg.
Machtkampf. „Ich will Gerechtigkeit und nicht Rache“, sagt Ex-ORF-Chef Roland Weißmann. Er trat bekanntlich am 8. März als ORF-Generaldirektor zurück, nachdem eine ORF-Mitarbeiterin ihm unpassende Chatnachrichten via Anwalt und ORF-Stiftungsratsspitze vorgeworfen hatte. Und wird jetzt den ORF – dieser hat angekündigt, ihn zu kündigen – auf fast vier Millionen Euro klagen, nachdem die ORF-Compliance-Prüfung „keine sexuelle Belästigung“ feststellte.
Der Fall Weißmann löste im ORF jedenfalls einen veritablen Tsunami der wechselseitigen Beschuldigungen und immer neuer Vorwürfe gegen diverse ORF-Spitzenleute aus.
Es sei ein „unglaublicher Druck“ auf ihn ausgeübt worden, sagt Weißmann oe24 jetzt.
Die Stiftungsratsspitze Heinz Lederer und Gregor Schütze hätte ihm gesagt, dass „es egal sei, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Der Schaden bei einer Veröffentlichung sei genug“. Tatsächlich dürfte Weißmann ursprünglich bereit gewesen sein, auf ziemlich viele Geldforderungen zu verzichten, falls der Vorwurf der sexuellen Belästigung“ – die er stets leugnete – nicht veröffentlicht würde. Der von den ORF-Stiftungsräten beauftragte Anwalt attestierte sexuelle Belästigung und die mittlerweile ebenfalls involvierten übrigen ORF-Direktorinnen dürften der Meinung gewesen sein, dass der Vorwurf publiziert werden müsse. Ab dann – am 9. März veröffentlichte der ORF die Vorwürfe gegen Weißmann – eskalierte die Lage endgültig.
Zwei Lager kämpfen unerbittlich im ORF
Zwei Seiten. Die neue ORF-Chefin Ingrid Thurnher muss für die Stiftungsratssitzung am 23. April mit Ungemach rechnen. Immerhin sind jetzt beide Lager im ORF angefressen: Die Unterstützer von Weißmann sehen ihn nach dem Compliance-Bericht „rehabilitiert“ und verstehen die Kündigung nicht.
Die Unterstützer, der ORF-Mitarbeiterin und von ihrem Chef Pius Strobl – dieser wiederum sorgte mit seinem Pensionszusatzvertrag mit Rückstellungen von 2,4 Millionen Euro für Wirbel und Streit mit Weißmann – finden wiederum den Compliance- „Freispruch für Weißmann skandalös“. Auch wenn die ORF-Mitarbeiterin sich zunächst über die Kündigung von Weißmann „zufrieden“ zeigte. Sie – und „unbekannte Täter“ – wurden jedenfalls von einem Anwalt von Weißmann angezeigt wegen des Verdachts der Erpressung.
Neue Beurlaubungen und Koks-Vorwürfe
Affären. Die Causa Weißmann ist also noch lange nicht ausgestanden. Die ORF-Mitarbeiterin – die 50 Seiten Telefonabschriften, Chatverläufe und Bilder der Compliance übergeben hatte, wollte nicht alles übermitteln – sieht sich weiterhin im Recht. Legt sie bald alles vor?
Und legt Weißmann noch neue Sachen vor?
Im Windschatten dieses Konflikts wurde nun auch der ORF-Werbechef beurlaubt. Hier dürfte die ORF-Finanzchefin Eva Schindlauer wiederum Handlungsbedarf gesehen haben. Die wiederum andere wegen Überstundenabrechnungen während ihrer Zeit bei ORF III im Visier sehen.
In den kommenden Wochen „könnten noch einige ORFler in hohen Positionen fallen und das eine oder andere Dossier veröffentlicht werden“, warnen ORF-Spitzenleute, die einen Flächenbrand sehen.
Als Spitze des Eisbergs gingen jetzt auch noch Meldungen an ORF-Stellen über „Koks-Affären im ORF“ ein. Dabei gehe es sowohl um „mangelnde Fürsorgepflicht seitens des Arbeitgebers ORF“ als auch um „Master of the Universe“-Verhalten von anderen angeblich Involvierten.
Und last, but not least steht auch der Verdacht des vereinzelten Dealens im ORF im Raum.
All das könnte im ORF-Stiftungsrat thematisiert werden.
Wohl weniger Thema werden könnte das Misstrauensvotum des ORF-Redaktionsausschusses gegen Lederer und Schütze wegen ihrer Lobbying-Geschäfte und mutmaßlicher Interventionen, sowie gegen Ex-ORF-Manager Thomas Prantner und gegen Peter Westenthaler wegen dessen „Angriffe auf ORF-Redakteure“.
Die Ausschreibung für den ORF-Top-Job läuft dann ab Mai. Ob sich da wirklich viele Qualifizierte dafür bewerben bleibt abzuwarten.