1990 sorgte er für die größte Blamage im heimischen Fußball: Färöer-Goalie Knudsen und seine Zipfelmütze. Jetzt mit einer Färinger-Ausstellung in Wien!
Wenn eine Zipflmütze auf Reisen geht, hat ihr Besitzer viel zu erzählen - vor allem wenn er Jens Martin Knudsen heißt und die vielleicht berühmteste jemals von einem Fußballer getragene Kopfbedeckung sein Eigen nennt. Der mittlerweile 41-Jährige trug die weiße Wollhaube, die noch bis 7. September im Wiener Leopold-Museum im Rahmen der Ausstellung "Moderne Kunst der Färöer Inseln" zu sehen ist, am 12. September 1990 in der schwedischen Stadt Landskrona. Nicht zuletzt dank Knudsens Paraden verlor Österreich dort gegen die Kicker der Färöer in deren erstem Bewerbsspiel 0:1 und musste damit die wohl größte Blamage in der ÖFB-Geschichte einstecken.
Lokale Berühmtheit
Knudsen und seine Kollegen hingegen
stiegen bei den 48.000 Bewohnern der Inselgruppe im Nordatlantik zwischen
den Britischen Inseln, Norwegen und Island zu Volkshelden auf, und diesen
Status genießen sie noch heute, auch wenn Knudsen beschwichtigt: "Die
Färinger sind sehr bodenständige Leute, dort wird man nicht so schnell zum
Star. Aber die Leute erkennen mich schon auf der Straße."
Unmittelbar nach dem historischen Landskrona-Match erreichte Knudsen, der am Donnerstag beim EM-Semifinale zwischen Spanien und Russland im Wiener Happel-Stadion saß, eine weit größere Bekanntheit. Die Bilder des Amateur-Keepers mit der Zipflmütze, der damals Spielern wie Toni Polster oder Andreas Herzog die Stirn bot, gingen um die Welt und galten als Sinnbild für die historische Sensation.
Zufall
Dabei hätte Knudsen die Haube in dieser Partie fast nicht
getragen. "Weil ich mir gedacht habe, ich könnte zum größten Trottel Europas
werden, wenn ich mit dieser Mütze den Ball sechs-, siebenmal aus dem Tor
fischen muss." Schließlich wollte der Färinger aber doch nicht auf sein
Markenzeichen verzichten, das er schon von Kindesbeinen an zwischen den
Pfosten trug.
Wie Cech
"Als 13-Jähriger hatte ich einen Schädelbasisbruch,
danach wollte ich unbedingt wieder Fußball spielen. Aber der Arzt hat
gesagt, das kann ich nur noch mit einem Helm, und weil der nicht erlaubt
ist, habe ich eben die Zipflmütze genommen, damit sich meine Mutter weniger
Sorgen macht", erzählt Knudsen.
Unverkäuflich
Rund drei Jahre nach Landskrona verzichtete er
für einige Zeit auf die Haube - aus Rücksichtnahme auf seine Teamkameraden,
"weil die Mütze vor jedem Länderspiel im Mittelpunkt gestanden ist und das
Sportliche schon fast verdrängte". Erst ab Ende der 1990er-Jahre war das
Utensil, das Knudsen "um kein Geld der Welt" verkaufen würde, wieder auf den
Fußballplätzen zu sehen, eine derart stolze Stunde wie in der
südschwedischen Stadt war ihm aber nicht mehr vergönnt.
Österreicher zu arrogant
Wie es damals zu der Sensation
hatte kommen können, darüber rätselt Knudsen noch immer. "Wahrscheinlich war
es auch die Arroganz der Österreicher. Die haben sich nicht ernsthaft
vorbereitet, noch einen Tag vor unserem Match das Länderspiel Dänemark -
Wales in Kopenhagen angeschaut. Das hat uns zusätzlich motiviert." Außerdem
sei die Qualität der Färöer-Auswahl nicht zu unterschätzen gewesen. "Wir
haben in dieser EM-Quali wenige Monate später 1:1 in Nordirland gespielt und
gegen die Jugoslawen, die damals zu den Besten der Welt zählten, nur 0:2
verloren", so Knudsen.
Dennoch schüttelt der 65-fache Internationale noch immer den Kopf, sobald er an den Spielverlauf denkt. "Wir hatten uns das Match eigentlich in Fünf-Minuten-Perioden eingeteilt, und wären froh über jeden dieser Abschnitte gewesen, den wir ohne Gegentor überstanden hätten."
Feiertag
Als statt der tristen Vorahnungen die kühnsten Träume
wahr wurden, brachen auf den ansonsten beschaulichen Färöer alle Dämme.
"Damals gab es ja keine Handys und wir hatten keine Ahnung, was daheim los
war. Aber als wir dann zurückgekommen sind, war es einfach nur unglaublich,
was sich da abgespielt hat. So was hat es auf den Färöer davor und danach
nicht mehr gegeben", sagt Knudsen über jenes Ereignis, das den davor im
Schatten von Handball stehenden Fußball prompt zur populärsten Sportart der
Inselgruppe machte.
Co-Teamchef
Am 11. Oktober könnte das nächste Kapitel des
Heldenepos geschrieben werden, wenn die ÖFB-Auswahl im Rahmen der
WM-Qualifikation entweder in Toftir oder in Torshavn gegen die Färöer
antritt und Knudsen wieder mit dabei ist. Der Besitzer der UEFA-A-Lizenz
fungiert seit vergangenem Oktober als Co-Trainer von Teamchef Jogvan Martin
Olsen, schon ein Jahr zuvor übernahm er die Rolle des nationalen
Tormann-Trainers.
Optimistisch
Aufgrund seiner Verbands-Funktionen hat er die
EM-Auftritte der Österreicher genau unter die Lupe genommen. "Sie waren
überraschend gut und haben sehr offensiv gespielt. Ich habe sie nicht so
stark erwartet", lautet die Einschätzung Knudsens. Ein neues Landskrona hält
er dennoch nicht für ausgeschlossen. "Wenn alles passt, können wir
Österreich sicher Paroli bieten." Vor der weißen Zipflmütze müssen sich die
ÖFB-Kicker aber nicht mehr fürchten - die hängte Knudsen im vergangenen
Herbst gemeinsam mit seinen Fußball-Schuhen endgültig an den Nagel, nachdem
er mit Runavik Färöer-Meister geworden war.