Flugausfälle drohen

Experte warnt jetzt sogar vor "Kerosin-Triage" im Sommer

 Angesichts möglicher Flugausfälle durch den stockenden Nachschub von Kerosin fordern Luftfrachtunternehmen eine bevorzugte Versorgung mit Treibstoff. 

 "Wir kommen möglicherweise in eine Situation, dass in Deutschland Kerosin zugeteilt werden muss, wie es in Italien bereits der Fall ist", sagte Claus Wagner, Vorsitzender des Verbands der Air Cargo Abfertiger Deutschlands (VACAD), der "Welt". Es drohe dann ein Szenario wie in der Corona-Pandemie.

"Vor allem kleinere Flughäfen werden irgendwann nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr angeflogen werden." Christopher Stoller, Präsident des Aircargo Club Deutschland (ACD), sagte der Zeitung, wenn Kerosin knapp werde, sei eine vorrangige Versorgung der Luftfrachtlogistik ökonomisch zwingend. "Der Luftfrachtsektor fungiert als kritisches Rückgrat globaler Lieferketten und industrieller Wertschöpfung." Wirtschaftliche Stabilität müsse das primäre Ziel sein.

Nach Einschätzung des Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt könnte im Sommer in Deutschland eine dramatische Lage entstehen. "Berlin und Brüssel müssen dann entscheiden, welche Flüge prioritär mit Treibstoff versorgt werden."

Verschärfung durch Trumps Iran-Krieg

Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge könnte Kerosin in Teilen Europas wegen der Lage in der Straße von Hormuz rund um den Krieg Israels und der USA gegen den Iran in den nächsten Wochen knapp werden. "Mehrere europäische Länder könnten in den kommenden sechs Wochen einer beginnenden Knappheit von Kerosin gegenüberstehen", hieß es von der in Paris ansässigen IEA. Dies hänge davon ab, wie viel der eingebüßten Lieferungen aus dem Mittleren Osten Länder durch andere Importe wettmachen könnten.

Der deutsche Finanzminister Lars Klingbeil forderte angesichts der Entwicklungen, die Versorgung sicherzustellen. "Wir müssen die Warnungen vor Kerosinknappheit sehr ernst nehmen", sagte Klingbeil dem "Spiegel" laut Vorausmeldung vom Samstag. "Für mich ist klar: Wir sollten nicht nur das Preisproblem angehen, sondern müssen jederzeit auch die Versorgungssicherheit im Blick haben."

Der Vizekanzler von der SPD befürchtet länger anhaltende Auswirkungen durch den Iran-Krieg. "Wir sind in einer Situation, die ähnlich herausfordernd ist wie die Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine", sagte er dem "Spiegel" auf dem Rückflug aus Washington, wo er an der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank teilgenommen hatte. "Die Beratungen haben mir nochmal gezeigt, dass diese Krise größer und hartnäckiger ist, als viele glauben." Klingbeil betonte daher auch: "Wir müssen das Land resilienter machen, weniger abhängig von fossilen Energieimporten." Der Iran-Krieg zeige, dass das eine zentrale Frage für das Land sei. "Deshalb drängen wir darauf, den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter voranzutreiben und machen Tempo beim Netzausbau."

Unterschiedliche Einschätzungen in Berlin

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche kündigte für den Fall eines Kerosinmangels Gegenmaßnahmen an - warnt aber zugleich vor Alarmismus. Die Versorgungslage in den jeweiligen internationalen Märkten sei unterschiedlich, sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. Ihr Ministerium nehme die Sorgen der Luftfahrtbranche ernst, sagte Reiche. "Wir sind daher im engen und ständigen Austausch mit den Akteuren der Branche, um mögliche Auswirkungen auf die Luftfahrt in Deutschland zu beobachten und zielgerichtete Gegenmaßnahmen schnell zu ergreifen, wenn sie nötig werden. Für Montag hat mein Haus gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium alle Stakeholder - Versorger, Flughäfen, Airlines und Verbände - zu einem Gespräch eingeladen."

Reiche sagte: "Ich halte nichts davon, jedes Szenario öffentlich zu diskutieren." Es gelte, sorgfältig und überlegt zu handeln. Im Rahmen der Beteiligung an den Freigaben der Internationale Energieagentur hatte sich laut Ministerin die Bundesregierung entschlossen, Mengen in mehreren Chargen zunächst bis Ende April anzubieten, um flexibel auf die zukünftige Marktentwicklung reagieren zu können. Dabei seien neben Rohöl und Diesel bereits 50.000 Tonnen Jet-Treibstoff freigegeben worden.

Der Erdölbevorratungsverband habe aktuell weitere knapp 1,1 Millionen Tonnen an Kerosin gelagert. Sofern in Deutschland physische Versorgungsknappheit mit Jet-Treibstoff drohe, könne man mit der nationalen Reserve reagieren, sagte Reiche. "Berücksichtigt werden sollte auch, dass Deutschland mit seiner eigenen Raffineriewirtschaft, die auch Kerosin produziert, deutlich besser aufgestellt ist als manche anderen Länder."

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