20. August 2009 15:26
Eklat im Berliner Ensemble: Der Dramatiker Rolf Hochhuth ("Der
Stellvertreter") hat sich am Donnerstag, 20.8., gegen den Widerstand einiger
Angestellter Zugang in "sein Haus", das noch im Sommerschlaf befindliche
Theater am Schiffbauerdamm, verschafft. Theaterleiter Claus Peymann (72) ist
noch im Urlaub. "Holt die Polizei, wenn man mich hier rausschmeißen will!
Ich bin der alleinige Besitzer dieses Hauses!" rief der 78-jährige
Dramatiker und stürmte die Treppen zum oberen Theaterfoyer hoch, wo er neben
dem Brecht-Zimmer mit Peymann und der Berliner Kulturpolitik abrechnete.
Danach stellte sich Hochhuth demonstrativ den Kameras und Fotografen auf dem
Balkon des Berliner Ensembles über dem Bertolt-Brecht-Platz, bevor er wieder
zu Theaterproben in das Veranstaltungszentrum Urania als Ausweichspielstätte
fuhr. Ursprünglich hatte der Dramatiker die Presse an das Brecht-Denkmal vor
dem Theater eingeladen. Es trägt die Inschrift "Wer seine Lage erkannt hat,
wie sollte der aufzuhalten sein?"
Hochhuth ist über die von ihm gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung Eigentümer
der Immobilie am Schiffbauerdamm, die er an das Land Berlin vermietet hat
(Peymann ist quasi Untermieter). Den Vertrag hat Hochhuth aber inzwischen
"fristlos gekündigt", weil Peymann ihm die Aufführung des Stückes "Sommer
14" im Berliner Ensemble verweigert hat. Hochhuth habe sein Projekt nicht
vertragsgemäß angemeldet, hieß es, jetzt fänden Bauarbeiten statt.
Dagegen hatte Hochhuth bisher erfolglos eine Einstweilige Verfügung
beantragt, an diesem Freitag verhandelt das Berliner Kammergericht über
Hochhuths Berufung. Unabhängig davon geht die Premiere von Hochhuths
Inszenierung an diesem Sonntag in der Urania über die Bühne, der Ort der
nachfolgenden Aufführungen hängt von der neuen Gerichtsentscheidung ab.
"Es kommt einer Tragödie gleich, dass der Kultursenator Berlins es zulässt,
dass zwei in der Republik und darüber hinaus nicht unbekannte
Persönlichkeiten aufeinanderprallen", betonte Hochhuths Anwalt, der
CDU-Kulturpolitiker Uwe Lehmann-Brauns, vor Journalisten. Er sprach von
einer "kulturpolitischen und menschlichen Situation" und versuchte auch,
seinen sichtlich erregten Mandanten immer wieder etwas zu besänftigen.
Kulturpolitik zeichne sich auch dadurch aus, dass sie als Moderator und
Vermittler tätig wird, meinte der Anwalt. Es werde keinen wirklichen Sieger
in dieser "Theaterschlacht" geben. Hochhuth sei "tief verletzt", nicht jedes
seiner Worte müsse man daher auf die Goldwaage legen. "Ein betagter
Schriftsteller, der im In- und Ausland nach wie vor hohes Ansehen genießt."
"Vergessen Sie nicht, dass es sich bei Hochhuth um einen weltbekannten
Schriftsteller handelt, der auch kulturpolitisch noch immer an der
Aufarbeitung der NS-Zeit beteiligt ist, wie seine Initiative zur Errichtung
eines Denkmals für den Hitler-Attentäter Georg Elser zeigt." Hochhuth will
das Projekt zusammen mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand auf dem
Gelände des einstigen "Führerbunkers" in Berlin realisieren. "Ich wohne dort
seit 20 Jahren mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal. Und seit der Wende bin
ich der Hausbesitzer des Theaters am Schiffbauerdamm auf Wunsch der
Vorgängerfamilie Wertheim, die deshalb dem Autor des "Stellvertreters"
dieses Haus gegeben hat, weil sie nicht wollte, dass die Stadt Eigentümer
wird, in der der Holocaust auf der Wannseekonferenz beschlossen wurde. Frau
Wertheim hat 37 Angehörige im Holocaust verloren."
Hochhuth hatte bereits in der vergangenen Woche "das Ende der Ära Peymann"
am Berliner Ensemble verkündet und den Pachtvertrag mit dem Berliner
Ensemble "fristlos gekündet". Der Anwalt des Landes Berlin, Peter Raue,
sieht die Kündigung allerdings als "gegenstands- und grundlos" an, da das
Land Berlin den Vertrag nicht verletzt habe. Der Vertrag laufe bis Ende 2012
mit einer vereinbarten Option auf weitere 15 Jahre. Außerdem wird am 7.
September vor dem Landgericht über einen Antrag Hochhuths verhandelt, der
Peymann untersagen soll, das BE "nicht mehr an theaterfremde Institutionen
und Persönlichkeiten" zu vermieten. "Was dem Schriftsteller und Eigentümer
Hochhuth versagt wird, wird Dieter Bohlen gestattet", meinte Hochhuths
Anwalt.