"Haltet euch fest"

FALLWICKL hat ein Haus für uns alle erbaut

Mareike Fallwickl
© Yenney Rojas Perez
HALTET EUCH FEST ist das neue Buch der österreichischen Autorin.
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In Die Wut, die bleibt, hat uns die österreichische Autorin Mareike Fallwickl gezeigt, in welche fatalen Schieflagen Frauen in traditionellen Beziehungen geraten können, Stichwort Carearbeit. Im Buch Und alle so still dreht sich alles um die große Verweigerung – was, wenn Frauen die (Care-)Arbeit niederlegen?

In Ruhe leben können

In ihrem neu erschienenen Roman Haltet euch fest geht es nun darum, wie eine Gemeinschaft aussehen kann, fernab der klassischen Kleinfamilie: Zwei Freundinnen haben sich bitter notwendig einen Raum geschaffen, in dem sie mit ihren Kindern in Ruhe leben können. Irgendwann kommt ein homosexuelles Paar dazu und verlorene Teenies aus der Gegend finden hier auch Unterschlupf. Das viel zitierte Dorf, das es braucht, um Kinder großzuziehen, das ist dieses Haus. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt und springt über Zeitebenen. Luzia ist eines der Kinder, als Erwachsene definiert sich ihr Leben – meist ungewollt – durch die ungewöhnliche Gemeinschaft. Ist es eine gesellschaftliche Utopie oder der Ursprung, so zu leben?

Buntes Buchcover von "Haltet euch fest" von Mareike Fallwickl mit großen schwarzen Buchstaben.
"Haltet euch fest" von Mareike Fallwickl © Rowohlt

Fallwickl ist schon seit Jahren eine bedeutende feministische Ikone. Sie richtet ihren Blick auf marginalisierte Gruppen, schaut hin, wo andere wegsehen. In Haltet euch fest dreht sich alles um das vermeintliche Anderssein, das so anders nicht ist. Denn, Spoiler, unsere sexuelle Orientierung hat nichts mit unseren Wünschen und Träumen für ein gutes Leben zu tun. Frei zitiert: Auch Kinder lesbischer Paare schauen zu viel Paw Patrol.

Fallwickl ist ein wichtiges Buch gelungen, das uns vor Augen führt, wie Leben funktioniert. Und eine Welt entdecken lässt, in der wir uns festhalten können aneinander, so ohne Gegenleistung, ohne Scham. Bravo!

Fallwickl: "Viele junge Frauen leben jetzt freundschaftszentriert"

Gespräch mit Mareike Fallwickl über ihr neues Buch uns ihre Ansichten

oe24: "Haltet euch fest" ist Ihre neues Buch – möchten Sie erzählen, worum es geht, wie die Idee dazu entstanden ist?

MAREIKE FALLWICKL: Für mich ist dieser Roman eine logische Konsequenz aus den Büchern davor. Ich bin privilegiert, weil ich die Möglichkeit habe, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mich interessieren. Ich darf literarisch ausprobieren, wie sich etwas Zeitgeistiges in eine Geschichte gießen lässt. Ich schau mich gerne links und rechts um: Wie geht‘s uns gerade als Gesellschaft, was beschäftigt uns, wo befinden wir uns mit Klischees, Geschlechterrollen. Ich habe das Gefühl, wir bewegen uns hin zu einer Gesellschaft mit Frauen, die sich auf sich selbst konzentrieren. Junge Frauen leben freundschaftszentriert. Das zeigt sich auch darin, dass sie sich vom Dating abwenden. Laut Studien daten nur mehr 30 Prozent aller jungen Menschen, und das bedeutet für diese Industrie einen Verlust von 40 Millionen Dollar. Es gibt auch neue Begriffe wie "Hobbyamory", das finde ich schön. Es bedeutet, dass Menschen sich in erster Linie darauf konzentrieren, viele erfüllende, lustige, schöne Sachen zu machen mit vielen verschiedenen interessanten Menschen.

“Laut Studien daten nur mehr 30 Prozent aller jungen Menschen, und das bedeutet für diese Industrie einen Verlust von 40 Millionen Dollar.”

Mareike Fallwickl

oe24: Was macht diese Entwicklung mit uns?

FALLWICKL: Wenn Frauen sich nicht mehr nächtelang damit beschäftigen, ob ein Mann ihnen zurückschreibt oder sich überlegen, wie muss ich sein, warum hat er mich geghostet, bin ich nicht schön genug etc., was tun die dann? Ist ihr Leben dann so leer, wie der patriarchale Blick suggeriert? Ich wollte einfach zeigen, und es gibt jetzt 435 Seiten, die beweisen, nein, ist es nicht!

oe24: Wie ist der Titel: "Haltet euch fest" zu verstehen?

FALLWICKL: Es ist ein Aufruf, im Kleinen und im Großen: "Haltet euch fest" - wenn wir von diesem Miteinander sprechen, das wir dringend brauchen. Auch: Wie stellen wir Nähe her und Verbindungen? Darum geht’s.

“Wie stellen wir Nähe her und Verbindungen? Darum geht’s”

Mareike Fallwickl

oe24: Ein Haus, in dem Menschen miteinander wohnen, vieles teilen und die (Sorge-)Arbeit auch aufteilen steht im Mittelpunkt des Romans. Was ist das für ein Ort?

FALLWICKL: Wenn wir so leben würden, im vielzitierten Dorf, mit Menschen, die sich vieles teilen, würde es zu einer großen Erleichterung bei Einzelpersonen führen und somit zu etwas Großem. Die Figur "Luzia" ist von der Theaterregisseurin Jorinde Dröse inspiriert, weil sie mir viel Einblick in die Szene gegeben hat. Von ihr weiß ich: Du musst nicht in Bereichen, die extrem von patriarchalen Hierarchien und Machtgehabe geprägt sind, auch so agieren. Du kannst anders und trotzdem erfolgreich sein. Von ihr habe ich das schöne Wort "Graswurzelgeflecht". Es beschreibt schön, dass einzelne Personen etwas verändern können und das dann weitertragen, sie können andere anregen, auch etwas zu verändern und so entsteht dann ein Geflecht aus vielen.

“Das Konzept der Kleinfamilie ist nicht vom Kapitalismus zu trennen, es ist ein kapitalistisches Projekt.”

Fallwickl

oe24: Ist "das Dorf" nicht auch eine romantische Verklärung?

Fallwickl: Das Konzept der Kleinfamilie ist nicht vom Kapitalismus zu trennen, es ist ein kapitalistisches Projekt. Die Erfindung der Hausfrau, einer unbezahlten Sorgeperson, hat den Grundstein gelegt. Damit die Notwendigkeit besteht, arbeiten zu gehen, die Familie zu versorgen und so weiter. Sonst gäbe es schlicht kein solches Wirtschaftssystem, wie wir es haben. Wir müssen nur unsere eigene Geschichte anschauen und auch gar nicht weit zurück. Menschen haben immer schon anders gelebt und Systeme haben sich immer schon verändert. Ich plädiere für die eigene Wirkmacht, den Glauben daran. Jede Art von Solidarität und Zusammenhalt kann da unglaublich viel bewirken.

oe24: Social Media – ist das für Sie Fluch oder Segen?

Fallwickl: Sehr hilfreich, wenn Frauen dann erkennen: "Oh, ich bin ja gar nicht alleine mit meinen Sorgen und Themen. Auch vielen Frauen da draußen geht es so, Frauen in anderen Ländern." Das kann einen großen Motor im Aufbegehren anwerfen. Gerade, was Mütter angeht, haben wir diesen unglaublichen Perfektionswahn. Es ist praktisch, wenn Mütter die Schuld bei sich selbst suchen und nicht in der Politik. Aber dann merken sie: "Ach so, Moment, wenn ich nicht die Einzige bin… dann ist es wohl ein großes systemisches Problem."

oe24: Würden Sie sagen, dass sie mit Ihrem Theaterstück Elisabeth noch mal ein anderes Publikum erreicht haben?

Fallwickl: Können wir kurz festhalten, wie großartig Stefanie Reinsperger ist? Das Lustige ist, das Stück ist entstanden, weil Stefanie vor vier Jahren die 'Wut, die bleibt' gelesen hat. Dann hat sie mir eine E-Mail geschrieben, und hat gemeint, sie will es verfilmen. So ist unser Kontakt, unsere Freundschaft, entstanden, und es gab dann Angebote von verschiedenen Filmfirmen. Ich wollte, dass die Rechte zu den Österreichern gehen, und ich wollte, dass Stephanie Reinsperger es macht. Obwohl damals vollkommen unklar war, ob wir ein Budget bekommen. Etwa zwei Jahre später hat Steffi dann gemeint: "Ich will, dass du mir ein Stück über Elisabeth schreibst." Ich habe lange überlegt. Was könnte ich noch über eine Figur sagen, über die schon alles gesagt wurde? Dann habe ich angefangen, keine Geschichten mehr an sie heranzutragen, sondern vielmehr die Schichten und Geschichten abzutragen. Steffi hat ihre Präsenz eingebracht, ihre Wut und Fritzi hat unglaublich gut inszeniert. Es ist der erste weibliche Monolog, den es jemals in der Geschichte des Burgtheaters gegeben hat. Und dass er so erfolgreich ist, motiviert die Theater hoffentlich dazu, ihre Bühnen mehr und mehr für moderne feministische Projekte freizugeben.

oe24:  Ihr Buch "Die Wut, die bleibt" wird jetzt bald verfilmt…

Fallwickl: Ja, es ist relativ sicher. In der Filmbranche ist immer alles langwierig und ich glaube, viele Sachen fallen dann kurz vor knapp doch noch irgendwie vom Tisch. Aber sie haben schon fast alles gecastet und der Hauptdreh ist im Frühjahr.

oe24: Viele Frauen haben keine Lust mehr auf ein Leben mit Mann und Kind, wieso ist das so und was macht das mit den Männern, Stichwort "Male Loneliness Epidemic"?

Fallwickl: Frauen erkämpfen sich immer mehr Privilegien, die Männer ihnen lange verwehrt haben. Wenn Männer in einer männerzentrierten Welt, die von Männern geschaffen wurde, von der ausschließlich Männer profitieren, nicht glücklich sind, dann ist es ganz sicher nicht an den Frauen, das zu ändern.

“Ich versuche, mich auf den Impact zu konzentrieren, den ich habe”

Mareike Fallwickl

oe24: Kriege, Klimakrise, Patriarchatsbacklash: Sehen Sie der Zukunft positiv entgegen?

Fallwickl: Ich kenne keine andere Spezies, die ihren eigenen Lebensraum zerstört. Allerdings haben wir einen starken Überlebensinstinkt, und der wird dafür sorgen, dass wir das Ruder rumreißen. Ich versuche, mich auf den Impact zu konzentrieren, den ich habe, und zu sehen, dass Dinge nicht ins Leere gehen und ich viel bewirken kann. Was mir oft Auftrieb gibt, ist der Kontakt mit SchülerInnen, wenn ich Workshops in Schulen mache. Die kommen oft gut vorbereitet, sind interessiert und schlau und setzen sich für ihre Themen ein. An einer Schule gab es einen 15-Jährigen, der lief so lange mit meinem Buch unterm Arm in der Schule herum, bis ich eingeladen. Zwei Jahre später tauchte er dann mit FreundInnen zur Premierenlesung von Und alle so still auf, sie hatten ein feministisches Schreibkollektiv gegründet. Solche Begegnungen sind wertvoll, weil sie zeigen, da zündet etwas. Es sind einzelne Flammen, die die Leute weitertragen, das merkt man auch bei meinen Lesungen. In dem Moment, wo man Missstände sieht, kann man sie nie wieder nicht sehen.

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