Urteil erwartet

Horror-Zustände in Wiener Seniorenheim: Ex-Direktorin vor Gericht

© -
Am Freitag ist in Wien der Prozess gegen eine ehemalige Direktorin einer Seniorenresidenz fortgesetzt worden, die laut Anklage für das systematische Vernachlässigen pflegebedürftiger Bewohnerinnen und Bewohner verantwortlich sein soll.
OE24 auf Google bevorzugen

In der Einrichtung, die es inzwischen nicht mehr gibt, dürfte es laut Anklage über Jahre hinweg zu einem systematischen Organisationsversagen und in Folge dessen zu untragbaren Zuständen gekommen sein. Heute wird mit einem Urteil gerechnet.

Prozess
© Fuhrich/oe24

Der ehemaligen Direktorin wird vorgeworfen, von Jänner 2019 bis August 2022 die für eine fachgerechte Betreuung erforderlichen Mittel nicht bereitgestellt zu haben. Die Anklage lautet auf Quälen und Vernachlässigen wehrloser Personen (§ 92 StGB). Die Beschuldigte hat beim Prozessauftakt am 29. April sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen. Sie sei "nur fürs Kaufmännische zuständig gewesen" und habe keine Ausbildung im Pflegebereich, sondern Gesundheitsmanagement studiert. Ihre Aufgaben seien die "Abrechnung, die Verwaltung, die Vertretung nach außen" gewesen: "Es ist mir nicht gesagt worden, dass ich für die Pflege zuständig sein muss."

CEO aus Deutschland als Zeuge

Am Freitag waren neben ehemaligen Pflegerinnen und Pflegefachkräften auch der CEO der Träger des Unternehmens in Deutschland als Zeuge vor Gericht. Er betonte, dass die Direktorin sehr wohl für alle Bereiche verantwortlich war. Die Anforderungen seien in der Jobbeschreibung enthalten gewesen, daraufhin wurde die geeignete Person, die diese Qualifikationen mitbringt, eingestellt.

Von den Missständen habe er nichts gewusst. "Wenn so eine Aussage kommt, muss man sofort handeln", sagte er im Zeugenstand. Als er über die Anschuldigungen in Kenntnis gesetzt wurde, sei er überrascht gewesen.

Schmerzhafte Pflegeschäden bei 17 Personen inkriminiert

Bei 17 vernachlässigten Seniorinnen und Senioren traten laut Anklage schmerzhafte Pflegeschäden auf. Von Aufliegegeschwüren, Gelenkversteifungen bis hin zu Knochenbrüchen ist im Strafantrag die Rede. Besonders drastisch wurde laut Anklage mit einem Bewohner vorgegangen, der am Verlassen seines Betts gehindert wurde, indem man Seitenteile anbrachte. Der Mann versuchte wiederholt, diese zu überklettern, klemmte sich dabei mehrfach ein bzw. verletzte sich durch Stürze.

Das Heim stellte vor einiger Zeit den Betrieb ein, indem der Pachtvertrag nicht mehr verlängert wurde. Für einen Weiterbetrieb wäre eine Generalsanierung erforderlich gewesen, die bei laufendem Betrieb unmöglich sei, hieß es damals seitens des Betreibers. Dutzende betroffene Seniorinnen und Senioren mit Pflegebedarf kamen auf Vermittlung des Fonds Soziales Wien in anderen Pflegeeinrichtungen unter.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden