Festspiele

"La Traviata" lässt es in Bregenz pritscheln

Enthusiastische Tänzer in 20er-Jahre-Kostümen feiern auf einer nassen Bühne mit Wasserfontäne.
© ORF
Die Bregenzer Festspiele starteten am Mittwoch mit Spiegel-Bild und Wasser-Ballett. Damiano Michieletto setzt bei der ersten "Traviata" der Festspiele auf Spektakelansichten und Pritschelmomente - Marjukka Tepponen überzeugte in der Titelrolle
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Die Bregenzer Festspiele gruppieren sich heuer ganz um ein Spiegel-Bild - im wörtlichen Sinne. Die Premiere von Giuseppe Verdis "Traviata" als neues Spiel am See wurde am Mittwoch ganz von der geborstenen Skulptur einer gigantischen Glasscheibe dominiert. Mit der Inszenierung von Damiano Michieletto ist das Festival also zurück beim Spektakel. Was hingegen gleich bleibt, ist das traditionelle Bregenzer Wasserpritscheln.

Scherben bringen hier kein Glück

Der Repertoireklassiker um die Kurtisane Violetta Valéry und ihren Liebhaber Alfredo Germont, deren Beziehung an den Konventionen der Gesellschaft zerbricht und mit ihrem Dahinsiechen endet, war in den 80 Jahren des Bestehens der Festspiele tatsächlich noch nicht auf der Seebühne zu sehen. Insofern kam dem 50-jährigen Michieletto eine gewichtige Aufgabe zu - die dieser mit Reflexionen löst.

Open-Air-Opernbühne auf dem Wasser bei Sonnenuntergang, mit großem zerbrochenem Spiegel-Set und Darstellern.
Beeindruckendes Bühnenbild mit zerbrochener Glasscheibe. © ORF

So bringen der Violetta Scherben definitiv kein Glück. Stattdessen steht Paolo Fantins 28 Meter hohe Bühnenskulptur mit ihren Splittern für die Zerbrechlichkeit der Hoffnung und der Existenz. Der geborstene Spiegel thront einem verhängnisvollen Spinnennetz gleich über der Szenerie, ist Metapher für das Netz, in dem sich Violetta und Alfredo verheddert haben.

Im Verlauf der Vorstellung dient die enorme Fläche, deren Splitter bisweilen auch als herausklappbare Spielebenen dienen, aber auch als Projektionshintergrund für Einspieler des Glücks, nimmt die Anmutung eines Auges und an einer Stelle auch jene einer Rosette an. Und am Ende entsteigt dem Schlund des Spiegels wie eine die Wirklichkeit verzerrende Skulptur von Anish Kapoor der dunkle Unheilskern. Eine Kugel als schwarzer Schatten, der letztlich von Beginn weg über der Violetta schwebte.

Bühnenbild mit Tänzern und farbenfrohen Kostümen vor zerbrochen wirkender Kulisse bei Nacht.
"La traviata" wird nun von der 'Roaring Twenties' inspiriert. © ORF

Spiegelverkehrt zu dieser düsteren Rahmung steht indes der Umgang mit der Statisterie. Überall wuselt es, sodass bisweilen die Sänger im Tumult schwer auszumachen sind. Michieletto positioniert die Handlung in den Goldenen Zwanzigern, den berühmten Jahren des Tanzes auf dem Vulkan, der Emanzipation der Frauen und der düsteren Vorahnung des Scheiterns. Diese Transposition ist mithin durchaus schlüssig und ermöglicht das Eindruckschinden, indem allerorten Federn und Pailletten aufblitzen und auch mal ein Houdini-Zaubertrick ausgeführt wird.

Eine Frau im weißen Kleid steht auf einer Bühne im Wasser und hält einen Strauß bunter Blumen.
Marjukka Tepponen geht als "Violetta" nur symbolisch baden. © ORF

Und man folgt der Bregenzer Tradition, dass jede Inszenierung die Feuertaufe des Wassers bestehen muss - selbst wenn es, wie bei der "Traviata", dramaturgisch wenig Sinn ergibt. So pritschelt die Statisterie zum berühmten Trinklied "Libiamo" im schönsten Esther-Williams-Wasserballett vor der Bühne, während Violetta ihre Glitzerrobe im Laufe des Abends mehr als einmal im Bodenseewasser einweichen muss.

Symphoniker und Tepponen überzeugen

Alles andere als Spiegelfechterei bieten die Wiener Symphoniker unter dem ukrainischen Bregenz-Debütanten Kirill Karabits. Gemeinsam legt man eine sehr wienerisch gefärbte "Traviata" vor. Über weite Strecken ist die Interpretation elegant und anmutig, was nicht heißt, dass die Streicher im finalen Sterbeakt nicht pathetisch zu jammern im Stande wären oder das Blech in den Passagen des Konflikts nicht aufs Ganze ginge.

Dieser elegante Duktus der Symphoniker spiegelt sich vollends im Timbre der Marjukka Tepponen. Die aus Graz bestens bekannte finnische Sopranistin ist eine satte, reife Violetta, bei der nicht jugendliche Frische, sondern profunde, bewegliche Souveränität dominiert. Der anfangs etwas zu eng geführte Sopran weitet sich über den Abend hinweg zu großer Strahlkraft und weiß vollends zu überzeugen. Dagegen fällt Julien Behr als Liebhaber Alfredo ungleich schärfer, nasaler aus.

Mehrere Darsteller tanzen in bunten Kostümen bei Nacht im Wasser auf einer beleuchteten Bühne.
TV-Hit: ORF2 zeigt am 24. Juli "La Traviata" von den Bregenzer Festspielen. © APA/AFP/KARL-JOSEF HILDENBRAND

Der Applaus fiel am Ende groß, aber nicht begeistert aus. Aber der "Traviata"-Stoff bietet sich für enthusiastischen Jubel eventuell auch weniger an. Die Violetta wird nun bis zum 23. August noch 27 weitere Male an den Gestaden des Bodensees ihr Leben aushauchen, was insgesamt rund 188.000 Besucher verfolgen werden. Im kommenden Jahr wird die Inszenierung dann traditionell wiederaufgenommen. ORF 2 und ORF ON übertragen am 24. Juli ab 21.20 Uhr die mit elf Kameras festgehaltene Inszenierung. 3sat wiederholt die Aufzeichnung am 29. August ab 20.15 Uhr.

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