Verdeckte Mobilmachung

Top-Experte: Nach Wahl-Farce droht neuer Putin-Knall

Ein Mann im Anzug spricht an einem Rednerpult mit russischen Flaggen im Hintergrund.
© APA/AFP/POOL/ALEXANDER KAZAKOV
Ab 2028 droht eine "durchaus gefährliche" Zeit für Europa
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Nach dem deutlichen Sieg der Kremlpartei bei der russischen Parlamentswahl ist in Russland von einer "verdeckten" Mobilmachung für den Angriffskrieg gegen die Ukraine auszugehen. "Das alte Mobilmachungsdekret ist ja nie aufgehoben worden, und die Teilmobilmachung bis zu einer Stärke von 300.000 Mann kann jederzeit durchgeführt werden", sagte der österreichische Militärexperte Gustav Gressel der APA.

Die russische Führung würde aber versuchen, die Mobilisierung "so verdeckt wie möglich zu halten" - sodass etwa "einfache Leute in der Peripherie dann ihre Einberufungsbefehle kriegen und man kein großes Tamtam daraus macht", erklärte der Bundesheerexperte, der an der Landesverteidigungsakademie in Wien forscht. Russische Grenzschließungen an der Grenze zu Estland und ähnliche Maßnahmen seien jedenfalls als Vorbereitungsmaßnahmen für eine Mobilmachung zu werten, "weil man weiß, dass sich dann wahrscheinlich mehr Leute absetzen werden". Auch für die Grenzen zu Kasachstan und Georgien gebe es entsprechende Vorabsprachen. Gressel sagte: "Der Grad an Zwang, den man anwenden muss, um die Leute an die Front zu kriegen, der wird graduell steigen."

Ein Mann im Anzug sitzt an einem Tisch mit Dokumenten und spricht in Mikrofone.
© EPA

Quantitative und qualitative Verluste bei russischer Armee

Aktuell geht der Experte von 680.000 bis 710.000 russischen Soldaten im Ukraine-Krieg aus. Angesichts der hohen Verlustzahlen und der immer kürzer werdenden Ausbildungszeiten erleide die russische Armee sowohl quantitative als auch qualitative Einbußen. Hinzu komme für Russland der Verlust von schwerem und wertvollem Gerät durch ukrainische Luftangriffe sowie verbesserte ukrainische Taktiken und Möglichkeiten vor allem in der elektronischen Kampfführung.

Deshalb gebe es trotz der großen Zahl an Soldaten "die Bemühungen des Kremls, über eine schleichende Mobilmachung jene Ränge wieder aufzufüllen". Darüber hinaus gebe es "eine sehr aggressive Rekrutierung an russischen Universitäten, um Kader für die Drohnentruppe nachzugenerieren", berichtete Gressel. Den neuen ukrainischen Generalstabschef Mychajlo Drapatyj bezeichnete er als "fähigen General".

Anschläge gegen Europa

Gressel erwartet gleichzeitig, dass Russland die sogenannte hybride Kriegsführung gegen Europa über den Winter bis in den nächsten Frühling intensivieren werde. Dabei verweist er auf "konkrete nachrichtendienstliche Informationen": "Man rechnet nicht nur mit Anschlägen und verdeckten Operationen, sondern auch zum Beispiel mit schwereren Drohnen, die dann über die Grenze fliegen und im Westen einschlagen. Es gibt Mordaufträge für Leute aus der Rüstungsindustrie in Europa."

"Natürlich versuchen die Nachrichtendienste hier, zu vereiteln, was sie vereiteln können." Aber Politiker wie der polnische Premier Donald Tusk oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnten ihre Kollegen bereits, weil "man wahrscheinlich nicht alle Anschläge wird vereiteln können". In dem Fall, wenn etwas passiert, ist laut Gressel ein Schulterschluss aller politischen Kräfte gegen den Urheber eines Anschlags besonders wichtig. Diese Angriffe seien "Tests, wie die Gesellschaften im Westen auf solche Anschläge reagieren und wo das Spaltpotenzial liegt". Damit gewinne Russland Informationen für seine weiteren Operationen - und auch für eine Vorbereitung größerer militärischer Angriffe, die zwar nicht in naher Zukunft, aber "in mittelbarer Zukunft möglich und wahrscheinlich sind".

Ab 2028 rechnet Gressel, dass es eine "durchaus gefährliche" Zeit werde. "Das heißt natürlich nicht, dass man sagen muss: 'Der Krieg ist schon vorprogrammiert und packt euren Koffer.'" Aber Russland arbeite an den "Vorbedingungen für so einen möglichen Krieg". Und eine der Vorbedingungen sei die politische und gesellschaftliche Spaltung im Westen, das Auseinandertreiben der einzelnen Alliierten und der politischen Parteien in einem Staat, "um ein mögliches Opfer möglichst isoliert und wehrlos zu haben".

Abschreckung verfehlt

Der Experte betonte, dass es Europa nicht gelungen sei, "Russland in seiner Eskalationstätigkeit" zu stoppen. Eine Abschreckung Russlands, weitere eskalative Maßnahmen vorzunehmen, habe Europa nicht erreicht. Mit gleichen Mitteln wie Russland zurückzuschlagen, sei für Europa allerdings sehr schwierig. Für Aktionen wie Propagandakrieg, Geheimdienstoperationen, Unterstützung von Parteien für die politische Kriegsführung oder das Einschleusen von Agenten in den russischen Sicherheitsapparat sei Europa zu "handzahm".

Ansatzpunkt für echte Abschreckung sieht Gressel in der Schattenflotte, in der Durchfahrt durch die Dänemarkstraße (Meerenge zwischen Island und Grönland, Anm.), Beschlagnahmung von russischem Vermögen und Vergeltungsschlägen in anderen Erdteilen mit russischer Präsenz. In Afrika etwa seien russische Truppen und Wirtschaftspräsenz "sehr schwach geschützt". Ein weiterer Angriffspunkt sei in Lateinamerika und im Mittleren Osten, also Regionen, die Russland als Ausweichraum nutze - auch für Schmuggeltätigkeiten.

Anders als die Europäer seien die Ukrainer "nicht zimperlich", erklärte der Experte. Gressel berichtete von Bildern des ukrainischen Militärgeheimdiensts. Diese belegen, dass ukrainische Soldaten in afrikanischen Staaten, die mit Russland kooperieren bzw. eine russische Wirtschafts- und Söldnerpräsenz haben, lokale Kräfte, Organisationen und Widerstandsgruppen ausbilden, etwa im Einsatz von Drohnen. "Frankreich und Großbritannien schöpfen diese Mittel gegen Russland zurzeit noch nicht aus. Aber es wäre eben auch etwas, wo man durchaus Vergeltung üben kann."

Dramatische humanitäre Lage im Winter

Für die Ukraine prognostiziert Gressel einen "extrem schwierigen" Winter. "Ich bin kein Meteorologe, aber in der Fliegerabwehrsituation wird es deutlich schlimmer." Die Ukraine habe weniger Patriot-Abwehrraketen als noch im vergangenen Winter zur Verfügung. Die von den Russen verstärkt verwendeten düsengetriebenen Drohnen und Mischformen aus Drohnen und Marschflugkörpern seien "viel schwieriger abzuwehren als die propellergetriebenen Geran-Drohnen, die im letzten Winter noch großteils daherkommen sind". Das heißt: "Man muss mit viel mehr Treffern rechnen."

Gleichzeitig sei schon im vergangenen Winter sehr viel Infrastruktur zerstört worden. Die großen Laufkraftwerke alle wieder aufzubauen, dauere sehr lange. Zudem erwartet Gressel, dass Russland in diesem Winter nicht nur Energieinfrastruktur, sondern auch Nahrungsmittel, Wasser und andere wichtige Serviceleistungen in der Ukraine angreifen werde, um in den großen Städten und in den frontnahen Städten angreifen zu können. "Es ist zu befürchten, dass die humanitäre Situation für einige Städte dramatisch wird."

Der Ukraine würden in dieser Situation Abwehrraketen nur begrenzt helfen, da die Industrieproduktion der Russen bei ballistischen Raketen in dieser Munitionsklasse "mittlerweile so hoch" sei. Selbst wenn die USA Raketen liefern und die Europäer ihre Produktion steigern würden, sei dies zu wenig und kurzfristig schwer machbar. Gressel denkt, die einzige Chance der ukrainischen Abwehr seien Angriffe gegen die russische Rüstungsindustrie. Die Zerstörung von Betrieben, die an der Produktion von Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Drohnen beteiligt sind, sei "das vordringlichste Mittel, dass man kurzfristig vor dem Winter noch irgendwas realisieren kann", sagte der Experte.

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