4,5-Stunden-Lesung

Banken und Bären: Jelinek-Stück als Lese-Performance an der Burg

Nicolas Stemann ließ "Unter Tieren" viereinhalb Stunden lesen - Unterstützung von Olga Neuwirth und der Blasmusik Perchtoldsdorf - Buch am 19. Juni - Uraufführung am 16. August in Salzburg

Es ist eine bewährte Methode, und doch hat sie jedes Mal Neues zu bieten: Der Regisseur Nicolas Stemann probiert neue Texte von Elfriede Jelinek gerne zunächst einmal als inszenierte Lesung vor dem Publikum aus, ehe er zur inszenatorischen und interpretatorischen Tat schreitet. Seit Anfang Mai probt er nun "Unter Tieren", das am 16. August bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wird und ab September am Burgtheater zu sehen ist. Dort bat er am Mittwoch zur "Urlesung".

Kopie von jelinek

Letztes Jahr hat Elfriede Jelinek die Auszeichnung bekommen.

© oe24

Um 18 Uhr trat er auf der mit allerlei Requisiten und Bühnenversatzstücken sowie einem großen Tisch vollgeräumten Burg-Bühne vors Publikum und gab seiner Bewunderung Ausdruck, dass sich so viele Menschen an diesem bisher heißesten Tag des Jahres dazu entschlossen hatten, sich "fünf Stunden Jelinek reinzuziehen. Wir hoffen, dass sie danach noch immer denken, dass das die richtige Entscheidung war." 145 Textseiten lägen vor einem und die Gewissheit, dass man um 23 Uhr raus müsse. "Die Leitung des Hauses hat mir ausrichten lassen: Versuch's gar nicht erst mit dem Kniefall", erinnerte er an die legendäre Aktion, mit der Einar Schleef bei der "Sportstück"-Premiere bei Claus Peymann erfolgreich Überlänge für die Uraufführung erflehte.

Lesung, Bühnenaktionen und Musikeinlagen

Am Ende wurde es 22.35 Uhr, und bis auf zweimal drei Seiten, die übersprungen wurden, sollte tatsächlich der Gesamttext zum Vortrag gebracht worden sein. Überprüfen lässt sich das ab 19. Juni, wenn der Rowohlt Verlag die Buchausgabe ausliefert. Wie immer wurde auf der Bühne ein (oder eigentlich: zwei) Seitenzähler umgeblättert, um über den Stand des Lesefortschritts zu informieren, und wie immer war ein Mix aus Lesung, Parallelaktionen und kurzen Musikeinlagen aufgeboten. Man lerne bei so einer öffentlichen Aktion viel im Umgang mit dem Text, meinte der Regisseur und versicherte: "Alleine schaffen wir es nicht!" Deswegen wurde dem zahlreich erschienenen Publikum auch die Möglichkeit gegeben, bei offenen Saaltüren nach Belieben zu kommen und zu gehen und gegebenenfalls dem Fortgang des Bühnengeschehens auf einem Bildschirm im Pausenbüffet des ersten Ranges zu folgen.

Banken und Bären: Jelinek-Stück als Lese-Performance an der Burg
© rowohlt-theaterverlag.de

Kein Jelinek-Text ohne Kalauer - und wenn man sich nicht verhört hat, beginnt "Unter Tieren" mit einem solchen: "Piketty, Piketty" hebt ein Prolog an, der ein paar Tauben im Dialog über Banken, Kredite und Sicherheiten zeigt. Sie und all' die Schafe, Affen, Hasen, Bären, Schweine, Füchse, Dachse und anderes Getier, die sich im Stück über die Seltsamkeiten des menschlichen Wirtschaftstreibens auslassen, haben nicht nur die Schriften des französischen Wirtschaftswissenschafters Thomas Piketty studiert, sondern sind auch in die Wiener Schule der Nationalökonomie gegangen.

"Geld ist doch keine Ware."

Das liebe Geld steht im Zentrum, und so hört man Sprüche wie "Geld ist doch keine Ware. Das kann man nicht kaufen", "Und so wird Geld verschwendet, indem es verschwindet", aber auch: "Tod und Geld, das sind Geschwister - und die haben Arschgesichter!" Mavie Hörbiger und Caroline Peters hatten die Hauptlast des Textes zu rezitieren, der mit dem Einsatz zahlreicher Tiermasken und -kostüme unterstützt und bei dem auch das Publikum zur Mitwirkung gebeten wurde.

Caroline Peters
© Getty Images

Für Musikuntermalung sorgte nicht nur Stemann selbst an Pianino und Gitarre, sondern auch die Blasmusik Perchtoldsdorf und die Komponistin und Jelinek-Freundin Olga Neuwirth, die längere Zeit in Großaufnahme beim Hantieren mit blechernen Aufziehtieren gezeigt wurde. Im April 2027 wird die Hamburger Uraufführung von "Monster's Paradise", Olga Neuwirths Musiktheater zu einem Libretto von Elfriede Jelinek, bei Koproduktionspartner Oper Graz zu sehen sein.

Inhaltlich durfte bzw. musste man sich mehrfach an diesem Abend einer mit Genuss rezitierten Textpassage anschließen: "Ich bin jetzt irgendwie draußen!" In seiner Inszenierung wird Stemann straffen und fokussieren müssen - und das wird er ohne Zweifel auch machen, mit oder ohne Benko-Maske, die er kurzzeitig auf der Bühne trug. Ob uns dann Kühe, Stockenten, Ratten und Esel auch wirklich erklären, wie das nun mit Renten und Renditen, Buchgeld und Bargeld ist, bleibt abzuwarten. Bei der Urlesung gab es jedenfalls nach über viereinhalb Stunden samt Schrecksekunde rund um einen kleinen Unfall von Sebastian Rudolph herzlichen Schlussapplaus.

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