Zwei Antisemitismusforscher am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) analysieren den Diskurs unter den am Song Contest teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern.
Konkret geht es darum, wie sich die ESC-Teilnehmer zu einem Boykott Israels positionieren. Boykottaufrufe erachten der Musikwissenschafter Elias Berner und der Soziologe Niklas Herrberg als "problematisch und allzu oft antisemitisch", erläutern sie im APA-Gespräch.
"Boykottaufrufe gegenüber Israel sind nicht neu. Die gibt es seit der Gründung des Staates in den 1940er-Jahren. Die Geschichte Israels war immer davon begleitet, dass unterschiedliche Seiten zum Boykott aufrufen", sagte Herrberg. Zunächst seien diese Forderungen vonseiten der Arabischen Liga gekommen. Seit Mitte der Nullerjahre gebe es im Kontext der sogenannten BDS-Kampagne vermehrt Boykottaufrufe im Wissenschafts- und Kulturbetrieb, wobei BDS für "Boycott, Divestment and Sanctions" steht.
Problem der Stigmatisierung
Das Antisemitische daran: Das Grundmuster dieser Boykottaufrufe sei sehr oft, "dass Israelis oder auch Jüdinnen und Juden ganz allgemein kollektiv haftbar gemacht werden für Handlungen, die der israelische Staat tut oder auch nur vermeintlich täte", betonte Herrberg. Damit würden Menschen, unabhängig davon, ob sie überhaupt einen Bezug zu Israel haben und unabhängig ihrer Position zur Politik der israelischen Regierung, eine Kollektivschuld unterstellt und stigmatisiert. Berner sagte: "Israelische und jüdische Künstler und Künstlerinnen unterschiedlichster Genres haben unabhängig von ihrer oftmals kritischen Positionierung gegenüber der israelischen Regierung zunehmend Probleme, international gebucht zu werden." Häufig würden dabei auch "klassische antisemitische" Motive und Sprachbilder verwendet, Verschwörungstheorien und Übermachtsvorwürfe gegen Israel.
In ihrer Forschung zum ESC geht es Berner und Herrberg nicht darum, Künstler anzuklagen, dass sie ganz bewusst Antisemitismus befördern. Vielmehr wollen sie verstehen, wo antisemitische Stereotype in den Debatten um den ESC aufkommen und welche Funktionen diese erfüllen. "Es geht weniger um die persönliche Intention der einzelnen Künstler, sondern um wiederkehrende Diskursmuster", sagte der Musikwissenschafter weiter. Und Herrberg: "Wenn jemand etwas Antisemitisches sagt, muss er deswegen kein überzeugter Antisemit sein." Die Aktualisierung antisemitischer Motive, Metaphern und Wortspiele könne auch jenseits der Intention der Künstler passieren. Die Forschungsergebnisse des Projekts am ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften werden bis zum Spätsommer erwartet.
Aufmerksamkeit und Verkaufsstrategie
Auf die Frage nach Nemo, dem Schweizer ESC-Gewinneract aus 2024, der aus Protest gegen die Teilnahme Israels beim Bewerb die Siegertrophäe zurückgelegt hatte, antwortete Berner: "Wir sehen, dass der Aufruf zum Boykott wie etwa im Fall von Nemo auch als Signal inszeniert wird, sich nicht von irgendwelchen Zwängen des Showbusiness korrumpieren zu lassen - im konkreten Fall des ESC-Komitees - und gleichzeitig auch überhöht wird als Zeichen von Mut und Selbstlosigkeit." Damit würde mediale Aufmerksamkeit generiert. Es sei auch in gewisser Hinsicht ein "Verkaufsargument". Gleiches treffe etwa auch auf einen portugiesischen ESC-Künstler zu, der sich dem Boykott angeschlossen hat und in Wien "Stargast" einer propalästinensischen ESC-Protestveranstaltung wird. Er erhöhe damit seinen Bekanntheitsgrad.
Israel-kritische Künstler gerierten sich als Tabubrecher, in Wirklichkeit seien sie aber keine, sagte Herrberg. Berner ergänzte: Kritik an Israel und der Aufruf zum Boykott seien in der Kultur- und Musikszene "ja alles andere als eine Seltenheit". Es komme immer wieder zu Protestaktionen. Am Beispiel der Buhrufe bei der Performance der israelischen Sängerin beim ESC 2025 könne man eine "sehr selektive Solidarität" feststellen: Empathie wird nur für die Opfer des Gazakriegs gefordert, "was ja auch völlig legitim ist". Gleichzeitig zeige man "keinerlei Empathie für die Person im Raum, Yuval Raphael, die eine Überlebende des Nova-Festival-Massakers ist."
Antisemitismus sei ein "gesamtgesellschaftliches Problem", Boykottaufrufe ein "regelmäßiges Thema" und freilich nicht nur auf den ESC beschränkt. Die Antisemitismusforscher erinnern etwa an BDS-Boykottaufrufe gegen Konzerte der britischen Band Radiohead, weil Gitarrist Jonny Greenwood mit einer Israelin verheiratet ist, an den Antisemitismusskandal bei der Weltkunstausstellung documenta im Jahr 2022 oder die Band Bob Vylan, die auf dem Glastonbury Festival die Parole "Death to the IDF" (Tod der israelischen Armee, Anm.) skandierte.
Wettbewerbssituation besondere Ausgangslage
Seiner Selbstbeschreibung nach möchte der ESC als unpolitisch verstanden werden. Allerdings versammelt der größte Musikwettbewerb, der unter Nationalstaaten ausgetragen wird, Millionen von Zuschauer und Zuschauerinnen weltweit. Diese werden von der Show als weltoffene Europäische Gemeinschaft adressiert. Deswegen sei es natürlich wenig überraschend, dass soziale Bewegungen sowie Künstler und Künstlerinnen ihre politischen Anliegen und Proteste dort platzieren, wo sie entsprechende Öffentlichkeit und ein großes Medienecho erwarten.
Historisch gesehen ist Israel nicht das einzige politische Thema, das beim Song Contest eine Rolle gespielt hat. 1990 etwa wurde der ESC vor dem Hintergrund des Falls des Kommunismus und der Berliner Mauer rezipiert, sagte Herrberg. Berner erinnerte daran, dass der österreichische Beitrag von Simone 1990 "Keine Mauern mehr" hieß. Und dass Kalush Orchestra 2022 zum Song-Contest-Sieger gekürt wurde, sei ebenfalls nicht ganz unpolitisch. Der Auftritt der ukrainischen Band sei auch durch die "Deutungsfolie" des kurz zuvor begonnenen russischen Angriffskriegs betrachtet worden.