Fan-Randale

Vier Hooligans des Terrorismus beschuldigt

Italienische Polizei beschuldigt vier festgenommene "Ultras" des Terrorismus. Ermittlungen wegen "fahrlässiger Tötung" gegen Polizisten.

Der gewaltsame Tod eines Fans hat den italienischen Fußball am Sonntag an den Rand des Abgrunds getrieben. Nachdem der 28-jährige Lazio-Rom-Fan Gabriele Sandri auf dem Weg zum Auswärtsspiel seines Clubs gegen Inter Mailand auf einem Autobahnrastplatz von einem Polizisten erschossen worden war, kam es vor vielen Spielen zu schweren Ausschreitungen und Angriffen auf die Ordnungskräfte. Mehrere Polizisten wurden verletzt. Ebenfalls heiß her ging es in Rom, wo sich rund 400 "Fans" eine Straßenschlacht mit der Polizei lieferten.

Terrorismus
Vier Ultras, die wegen des Angriffes auf einer Polizeikaserne und auf den Sitz des Italienischen Olympischen Komitees (CONI) am Sonntagabend in Rom festgenommen worden sind, werden auch des Terrorismus beschuldigt. Wie aus römischen Justizkreisen verlautbart wurde, hatte der Angriff auf die Kaserne einen "politischen Hintergrund". Bisher waren Ultras in Italien noch niemals wegen "terroristischen Aktionen" angeklagt worden.

Rechtsextremes Milieu
Der römische Polizeichef, Carlo Mosca, versprach beispielhafte Strafen. "Diese Leute, die keinen Sinn für Demokratie haben, werden die Folgen ihrer Aktionen zu spüren bekommen", sagte Mosca. Die Ultras verursachten mit ihrem Angriff auf den Sitz des CONI in Rom Sachschäden im Wert von 100.000 Euro. Drei weitere Ultras wurden am Montag in Padua festgenommen, während sie an eine Mauer Slogans gegen die Polizei schmierten. Die drei Jugendlichen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren waren den Sicherheitskräften als Aktivisten der rechtsextremen Partei Forza Nuova bereits bekannt.

Im Sportministerium fand am Montagvormittag eine Sondersitzung der Sportministerin Giovanna Melandri mit dem Präsidenten des CONI, Gianni Petrucci, und dem Chef des Fußballverbands, Giancarlo Abete, statt. An dem Treffen beteiligte sich auch der Liga-Präsident Antonio Matarrese. Der italienische Staatschef Giorgio Napolitano erklärte sich wegen der Gewalt im italienischen Fußball besorgt. Er forderte strenge Strafen für die Gewalttäter.

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Polizist gesteht Todesschüsse
Der mutmaßliche Todesschütze hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. "Ich habe erst einen Warnschuss in die Luft abgegeben, der zweite Schuss hat sich beim Laufen gelöst", sagte der Polizist der Zeitung "Corriere della Sera" (Montagausgabe). Er habe auf "niemanden gezielt", betonte der Beamte.

"Ich bin ruiniert, ich habe zwei Familien zerstört, die des Jungen und meine eigene", sagte der 31-jährige. Der Polizist hatte bei einer Auseinandersetzung zwischen Anhängern von Lazio Rom und Juventus Turin am Sonntag auf einer Autobahnraststätte einen 26-jährigen Lazio-Anhänger tödlich getroffen.

Untersuchung
Der italienische Polizeichef Antonio Manganelli versicherte, dass es zu einer Untersuchung nach dem Tod Sandris auf einer Autobahnraststätte unweit der toskanischen Stadt Arezzo kommen wird. "Die Polizei wird ihre Verantwortung übernehmen und mit den Justizbehörden bei der Klärung der Vorfälle beitragen", sagte Manganelli. "Gabriele ist erschossen worden, während er unterwegs war, um seiner Lieblingsmannschaft zu folgen. Ist dies ein Verbrechen?", meinte Cristiano Sandri, der Bruder des erschossenen Tifoso.

Die Justizbehörden versuchen, die Hintergründe des Mordes zu klären. Ein Tankstellenpächter in der Nähe der Autobahnraststätte, auf der Sandri erschossen wurde, berichtete, dass ein Auto mit Lazio-Fans vor dem Mercedes einiger Juve-Ultras gehalten hatte. Dabei war es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Ein Auto der Verkehrspolizei hatte den Vorfall beobachtet. Der Polizist hätte in die Luft geschossen, eine Pistolenkugel erreichte Sandri versehentlich aus einer Entfernung von ca. 80 Meter.

Ermittlungen
In der Zwischenzeit sind gegen den Polizisten Ermittlungen wegen "fahrlässiger Tötung" eingeleitet worden. Dies teilten die Justizbehörden in Arezzo mit, die auch den Namen des Polizisten bekanntgaben. Der Verkehrspolizist, der den Lazio-Fan Gabriele Sandri erschossen hat, heißt Luigi Spaccatorella und ist 32 Jahre alt.

Um der immer stärker aus dem Ruder geratenden Fan-Gewalt Einhalt zu gebieten, überlegt Italiens Regierung jetzt, ein Reiseverbot für Fans zu verhängen. Lesen Sie hier mehr dazu.

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400 Hooligans stürmten Polizeikaserne
Eine Gruppe von zirka 400 Hooligans hat am Sonntagabend in Rom eine Polizeikaserne angegriffen. Die Vermummten bewarfen die Polizeikaserne mit Steinen und Flaschen, ein Bus und mehrere Polizeiautos wurden in Brand gesetzt. Die Polizei setzte Tränengas gegen die Vandalen ein. Die Hooligans griffen auch den Sitz des Nationalen Olympischen Komitees CONI an. Einige Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Die Ausschreitungen waren eine Folge des Todes eines Lazio-Fans, der am Sonntag bei Raufereien zwischen Fußball-Fans von einem Verkehrspolizisten auf einer Autobahnraststätte unweit der toskanischen Stadt Arezzo versehentlich erschossen wurde. Bei den Randalen wurden insgesamt 40 Polizisten verletzt. Besorgniserregend ist die Lage eines Polizisten, der mit einer Eisenstange schwer verletzt worden ist, wie die Polizei am Montag mitteilte. Drei Personen wurden festgenommen.

Absage des Spitzenspiels Inter Mailand vs. Lazio Rom
Der italienische Verband sagte das Spitzenspiel von Meister Inter gegen Lazio ab. Die übrigen Partien wurden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen mit zehnminütiger Verspätung angepfiffen, Spieler und Schiedsrichter liefen mit Trauerflor auf. "Es war ein tragischer Fehler", sagte der "tief betroffene" Polizeichef von Arezzo, Vincenzo Giacobbe, der "La Gazzetta dello Sport". Ministerpräsident Romano Prodi äußerte sich "höchst besorgt" über die tragischen Ereignisse.

Weitere Absagen: Atalanta vs. AC Milan und Roma vs. Cagliari
Das zunächst unterbrochene Serie-A-Spiel zwischen Atalanta und AC Milan wurde nun auch abgesagt. Dies berichtete das italienische Fernsehen am Sonntagnachmittag. Atalanta-Anhänger hatten die Absperrgitter zum Spielfeld teilweise eingerissen. Der Schiedsrichter hatte die Teams in der siebenten Minute zurück in die Kabinen geschickt. Eine sichere Fortsetzung des Spiels schien den Unparteiischen nicht mehr möglich. Auch vor anderen Liga-Spielen kam es zu schweren Ausschreitungen und Angriffen auf die Ordnungskräfte. Mehrere Polizisten wurden verletzt.

Auch das für Sonntagabend angesetzte Serie-A-Match AS Roma gegen Cagliari ist abgesagt worden. Dies teilte die Geschäftsführerin von Roma, Rosella Sensi, mit. Die Entscheidung wurde nach dem Tod eines von einem Polizisten versehentlich erschossenen Lazio-Fans getroffen.

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Zweites Todesopfer im italienischen Fußball 2007
Der Römer ist bereits der zweite Tote, den der italienischen Fußball in diesem Jahr zu beklagen hat. Bei schweren Fan-Ausschreitungen war am 2. Februar ein Polizist in Catania von Randalierern erschlagen worden. Daraufhin hatte die Regierung die Gesetze gegen Gewalt rund um den Fußball drastisch verschärft, das Problem jedoch nicht in den Griff bekommen. Justizminister Clemente Mastella forderte deshalb am Sonntag "noch härtere Maßnahmen" gegen gewaltbereite Fußball-Fans.

Die Nachricht vom Tod des Lazio-Fans hatte sich am Sonntag wie ein Lauffeuer unter den Tifosi aller Clubs verbreitet. Italienischen Medien zufolge war es auf dem Autobahnrastplatz von Badia al Pino zu einer kleineren Rangelei zwischen den Lazio-Anhängern und Fans von Juventus Turin gekommen, die auf dem Weg zum "Juve"-Auswärtsspiel in Parma waren. Eine Polizeistreife griff ein, dabei fiel der Schuss. "Alles hat sich in einer, höchstens zwei Minuten abgespielt", berichtete der Chef des Autobahnrestaurants von Paolo Agutoli.

Hass-Tiraden gegen die Polizei
Auch in Bergamo kam es zu Angriffen von Atalanta-Fans auf die Polizei. Zwei Beamte wurden verletzt, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Anhänger des AC Milan attackierten auf dem Weg zum Stadion am Bahnhof ebenfalls die Ordnungskräfte. Auch auf den Internetseiten der Fan-Clubs entlud sich die Wut in Hass-Tiraden gegen die Polizei

Unterdessen versuchte Lazio-Präsident Claudio Lotito, die erhitzten Gemüter zu zu beruhigen. "Sandri ist wegen eines tragischen Fehlers gestorben. Man darf keinen Feldzug gegen die Polizei beginnen", sagte Lotito.