Toto Wolff: ''Würde lieber mit Niki kämpfen statt alleine''

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Toto Wolff: ''Würde lieber mit Niki kämpfen statt alleine''

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Wolff wehrt sich gegen Attacken der F1-Teamchefs - das Hintergrundgespräch. 

Vom Kanada-GP f log Mercedes-Boss Toto Wolff nach Los Angeles für eine Kooperation mit dem Weltraumprojekt SpaceX, dann ging's weiter nach Austin zu einem Sponsoren-Event mit Lewis Hamilton. Am Mittwoch landete der Wiener in Europa: Treffen mit Flavio Briatore in Monaco. Und jetzt läuft der Countdown für den Mercedes-Heim-GP in Silverstone nächsten Sonntag. In einer stressfreien halben Stunde fand Wolff Zeit für ein Telefonat mit ÖSTERREICH.

ÖSTERREICH: Toto, es hat den Anschein, als würden gerade alle auf Sie losgehen. Wie kommen Sie damit zurecht?

Toto Wolff: Das trifft genau meine Komfortzone. Mein ganzes Leben waren alle gegen mich, aber genau da funktioniere ich am besten. Diese Schunkelei ist sowieso nicht meins. Und wenn alle gegen mich sind, heißt das, dass ich was getroffen haben muss.

ÖSTERREICH: Beim Teamchefmeeting in Montreal sollen Sie ziemlich in die Luft gegangen sein. Was hat Sie so in Rage versetzt?

Wolff: Ich bin dort aus zwei Gründen hochgefahren. Erstens wurden wir beschuldigt, mit der FIA gepackelt zu haben, weil meine Anwältin dort jetzt Secretary of Sports ist. Dabei ist sie eine total integre Rechtsanwältin. Zweitens beeinf lussen die Teamchefs ihre Fahrer, um in der Öffentlichkeit nicht zugeben zu müssen, dass das Bouncing ein gesundheitliches Problem ist. Ich habe jeden Einzelnen angesprochen und gesagt: Bei euch allen hat mindestens ein Fahrer öffentlich gesagt, dass er entweder Schmerzen oder Kopfweh hat bzw. dass er schlecht sieht und beim Fahren beeinträchtigt ist. Und ihr tut alle so, als wär' da nix. Das ist unverantwortlich.

ÖSTERREICH: Weil es um die Sicherheit geht

Wolff: und um den Fahrer. Du kannst einen Formel-1-Fahrer nicht versuchen, dahin gehend zu beeinflussen, dass er öffentlich nichts sagt, wenn ein gesundheitliches Risiko besteht. Die Einzigen, die dazu nix sagen, sind Leclerc und Verstappen, aber die sagen's hinter verschlossenen Türen.

ÖSTERREICH: Kritiker wie Helmut Marko sagen, ihr müsst nur das Auto höher legen und das Bouncing ist weg. Dann ist der Mercedes allerdings noch langsamer. Stimmt das?

Wolff: Das ist eine vereinfachte Darstellung. Ich hab vor mir eine Bouncing-Studie, da ist Ferrari am höchsten gelegt, dann kommen wir, und Red Bull liegt am tiefsten. Alle Autos haben Bouncing; dass wir langsam sind, hat einen anderen Hintergrund. Wie man bei Ferrari sieht, sind die am schnellsten und bouncen am stärksten.

ÖSTERREICH: Und bekommt ihr den wahren Hintergrund für den Mercedes-Rückstand in den Griff?

Wolff: Ja, aber nicht von heute auf morgen.

ÖSTERREICH: Schon beim nächsten GP in Silverstone, wo Hamilton schon acht Mal gewonnen hat?

Wolff: Wir haben heuer schon ein paar Lichtblicke gehabt wie zuletzt in Montreal. In Silverstone bringen wir ein Upgrade, das in die richtige Richtung geht. Aber ich möchte nicht zu euphorisch übers Ziel hinausschießen. Die Strecke sollte unserem Auto jedenfalls entgegenkommen.

ÖSTERREICH: Marko gab in Montreal zu, dass er Mercedes inzwischen schon mehr auf dem Radar hat als Ferrari. Teilweise war Mercedes, meinte er, sogar schneller als Red Bull. Was sagen Sie zu diesem Kompliment?

Wolff: Das ist ganz neu. Wir fühlen uns fast geschmeichelt und würden diesen Optimismus gerne teilen. Aber noch ist es nicht ganz so.

ÖSTERREICH: Bei "Fellner! Live" auf oe24.TV konnte sich Marko auch einen Seitenhieb in Ihre Richtung nicht verkneifen. Zur verlorenen Mercedes-Vormachtstellung meint er, dass denen eine ausgleichende Autorität wie Niki Lauda abgeht

Wolff: Das ist der Helmut. Der stichelt immer, das ist schon in Ordnung. Aber was stimmt: Niki fehlt immer. Er fehlt mir als Freund und als Sparringspartner und auch als Chairman. Glauben Sie mir, ich würde jetzt lieber mit Niki gemeinsam kämpfen statt alleine.

ÖSTERREICH: Marko stichelte auch gegen Lewis Hamilton. In Montreal meinte er: Auf dem Podest würde ihm der Rücken plötzlich nicht mehr wehtun. Wie geht's ihm wirklich?

Wolff: Er hat das unter Kontrolle gebracht, der Rücken ist kein großes Thema mehr.

ÖSTERREICH: Bei unserem letzten längeren Gespräch vor drei Wochen meinten Sie, Mercedes hätte die WM noch nicht abgeschrieben. Ist der Rückstand zum Führenden Verstappen inzwischen zu groß?

Wolff: Fakt ist: Wir sind zu weit hinten, und wir müssen das in den Griff bekommen. Das Reglement bleibt im nächsten Jahr gleich, deswegen ist jede Entwicklung, die wir heute bringen, auch wichtig fürs nächste Jahr. Da müssen wir unbedingt besser aus den Startlöchern kommen.

ÖSTERREICH: Und wann wird George Russell sein erstes Rennen gewinnen?

Wolff: Wenn wir ihm ein Auto geben, mit dem er gewinnen kann.

ÖSTERREICH: Kann das schon in Silverstone sein?

Wolff: Noch fehlt uns das Paket dazu. Aber wir tun alles, damit sich das ändert. 

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