"Wer Angst hat, bremst"

Nicole Hosp

"Wer Angst hat, bremst"

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Tirolerin im Interview über ihr RTL-Comeback in Sölden.

Die Startnummer 23 beim Riesentorlauf in Sölden ist absolut dabei. Doch noch bevor die Stoppuhr weiterläuft, liegt die Rennläuferin im Schnee.

Nicht einmal 30 Sekunden hat die Saison 2009/2010 für Nicole Hosp gedauert, ehe sämtliche Träume der Tirolerin zerstört waren.

Diagnose Kreuzbandriss. Statt Weltcup-Rennen und den Olympischen Spielen standen Therapie und Aufbauarbeit auf dem Programm.

Doch das Feuer der Angriffslust in den Augen der 26-Jährigen brennt wieder. 364 Tage nach ihrem Unfall wird Hosp am 23. Oktober beim Weltcup-Auftakt ihr Comeback geben.

Ehe die Riesentorlauf-Weltmeisterin von 2007 am Rettenbachferner die Ski wieder anschallt, spricht sie im Interviewüber Skirennen mit Wehmut, die neue "Rolle“ ihres Freundes, und was man ausblenden muss.

FRAGE: Der Weltcup-Auftakt in Sölden steht vor der Tür. Wie fit bist du?
Nicole Hosp:Mir geht es wieder sehr gut. Ich bin zwar noch nicht in Hochform, ich brauche nämlich immer einige Rennen, bis ich wieder richtig in Fahrt komme. Mit der Vorbereitung bin ich aber zufrieden, es läuft bereits ganz gut.

FRAGE: Vor einem Jahr war deine Fahrt am Rettenbachferner nach wenigen Sekunden beendet und damit auch die ganze Saison. Wie ging es nach dem Kreuzbandriss weiter?
Hosp:Ich musste mir danach natürlich Zeit geben. Da stand viel Therapie auf dem Programm, als es mir dann etwas besser ging, bin ich auf Urlaub gefahren, um abzuschalten. Und dann habe ich stufenweise mit dem Training begonnen. Ende Februar ging es dann zurück auf die Ski, zuerst beim freien Fahren und im April mit dem ersten Stangentraining.

FRAGE: Somit hast du deine ersten Schwünge gezogen, während deine Kolleginnen in Vancouver um Medaillen fuhren. Wie schwer war das Zuschauen?
Hosp:Die Zeit im Jänner war hart. Ich bin vor der Skipiste gestanden und sah, wie gut es zum Fahren ging. Ich konnte mich zu dieser Zeit nur auf Langlauf-Ski stellen. Im Februar war es dann trotz der Olympischen Spiele eine Erleichterung, denn da konnte ich selbst wieder Skifahren gehen.

FRAGE: Wie hast du den Ski-Winter verfolgt? Hast du dir die Rennen deiner Kolleginnen angesehen und mit ihnen Kontakt gehabt?
Hosp:Unter der Woche habe ich mir immer gedacht: Nein, die Rennen schaue ich mir sicher nicht an. Aber am Wochenende habe ich doch irgendwie wieder schauen müssen. Es interessiert einen doch. Es war zwar Wehmut dabei, aber das hilft nichts, da musste ich durch. Mit den Kolleginnen bleibt man natürlich in Kontakt, aber nicht ganz so intensiv wie sonst. Ich weiß ja, wie stressig es im Winter oft ist, ein paar SMS waren aber schon dabei.

FRAGE: Die Verletzung in Sölden war nicht der erste Rückschlag in deiner Karriere. Hast du jemals ans Aufgeben gedacht?
Hosp:Nein, bis jetzt hat es noch nie eine Phase gegeben, wo ich mir gedacht habe, dass ich es lassen möchte. Es hilft ja nichts. Man muss sich aus jedem Rückschlag etwas Positives herausholen, nach vorne schauen, neue Ziele stecken und schauen, dass man so schnell wie möglich wieder fit wird.

FRAGE: Wie hast du dich in dieser Zeit selbst wieder aufgebaut?
Hosp:Einfach war es nicht, man muss sich aber vor Augen halten, dass es viel Schlimmeres gibt. Eine Verletzung ist für einen Sportler natürlich immer blöd, aber es wird ja irgendwann wieder, es dauert nur seine Zeit. Wirklich schlimm sind zum Beispiel Krankheiten, für die es keine Heilung gibt.

FRAGE: Die Verletzungen im Skirennsport haben sich gehäuft. Macht man sich als Rennläufer darüber Gedanken?
Hosp:Man denkt darüber schon nach. Es muss ja einen Grund für die vielen Verletzungen geben. Jeder Athlet trainiert im Sommer immer noch mehr und schaut, dass er perfekt drauf ist, aber es passiert immer mehr. Da läuft doch etwas falsch. Wir wissen, dass viel vom Material ausgeht, aber wir Sportler können nicht wirklich etwas daran ändern. Da müssen Regeln von der FIS her.

FRAGE:Als Rennläufer sollte man sich jedoch nicht zu sehr damit beschäftigen, was alles passieren könnte.
Hosp:Genau, auf der anderen Seite versucht man das Ganze nicht zu sehr an sich heranzulassen. Wenn man es nicht ausblendet, hat man von vornherein verloren, denn dann kann man einfach nicht schnell fahren. Sobald Angst dabei ist, bremst man unbewusst, und so wird man nicht gewinnen können.

FRAGE: Die FIS hat eine neue Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit der Materialentwicklung und damit auch mit der Sicherheit im Skirennsport beschäftigt. Was hältst du davon?
Hosp: Ich finde es gut, dass sie Sachen, die sie neu machen, genau untersuchen. So wie die Änderung vor zwei Jahren bei den Ski. Das ist einfach beschlossen worden, weil man geglaubt hat, dass es durch die Verbreiterung der Ski weniger aggressiv wird, aber es war genau das Gegenteil der Fall. Es dauert jedoch alles viel zu lange. Jetzt beginnt eine neue Saison, und es hat sich eigentlich nichts getan. Man hofft natürlich, dass nicht wieder so viele Verletzungen sind.

FRAGE: Vor deinen Verletzungen bist du alle Disziplinen gefahren. Wirst du dich jetzt auf gewisse Bereiche beschränken?
Hosp:Überwiegend werde ich im Slalom und im Riesentorlauf an den Start gehen. Der Rest wird sich entscheiden. Wenn es gut geht und mit dem Knie alles passt, will ich auch in Super-G und Kombination wieder einsteigen. Und die eine oder andere Abfahrt werde ich dann auch bestreiten.

FRAGE: Wenn du bereits wieder an alle Disziplinen denkst, ist auch der Gesamtweltcup, den du bereits in der Saison 2006/2007 geholt hast, ein Ziel?
Hosp:Früher oder später ist er sicher wieder ein Ziel. In dieser Saison aber noch nicht. Ich muss mich mit der Startnummer wieder nach vor kämpfen, durch meine Verletzungen bin ich da doch relativ weit zurückgefallen. Aber in Hinblick auf die nächsten zwei, drei, vier Jahre ist er sicher wieder ein Ziel. In dieser Saison will ich den Anschluss an die Weltspitze wieder schaffen, Siege feiern und bei der Fast-Heim-WM in Garmisch zuschlagen.

FRAGE:Noch einmal zu Sölden. Die Rennen am Rettenbachferner waren für dich in den letzten Jahren ein Auf und Ab. Mit welchem Gefühl reist du zum Auftakt?
Hosp: 2002 habe ich dort meinen ersten Weltcup-Sieg gefeiert, der bleibt einem natürlich sein ganzes Leben in Erinnerung. Mit dieser Motivation will ich auch heuer an den Start gehen. In den letzten Jahren, nicht nur bei der Verletzung, ist es gerade in Sölden nie wirklich gelaufen. Irgendwann wird sich das Blatt jedoch wieder wenden und ich glaube fest daran, dass es in diesem Jahr so weit ist.

FRAGE: Wie sieht dein konkretes Ziel für das erste Rennen aus?
Hosp:Punkte sammeln. Wie gesagt, ich bin mit der Startnummer hinter den ersten 30. Ich muss schauen, dass ich wieder vorne rein komme. Es ist schon ein Nachteil, wenn man später startet, denn die Piste lässt doch nach und wird schlechter.

FRAGE:Die letzte Frage. Dein Freund war zuletzt Servicemann von Marcel Hirscher. Kümmert er sich jetzt um deine Ski?
Hosp:Nein, mein Servicemann ist er nicht, aber er hilft bei meiner Skifirma Völkl. Seine Anwesenheit macht schon was aus. Wir sind ja nicht nur im Winter, sonder ein Dreiviertel vom Jahr unterwegs, da ist es schön, wenn er dabei ist. Ansonsten sieht man sich schon sehr wenig, aber diese Problem haben wir gelöst.

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