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Jelinek-Stück

"Rechnitz" - Die Banalität des Bösen

In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 veranstaltete Gräfin Margit von Batthyány auf Schloss Rechnitz/Burgenland ein orgiastisches Fest für Nazibonzen, bei dem 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, die in einer Scheune, dem „Kreuzstadl“, untergebracht waren, erschossen wurden. Die Gräfin floh vor der Roten Armee in die Schweiz, ihre Freunde setzten sich nach Südafrika und Argentinien ab; das Massengrab, in dem die Ermordeten verscharrt wurden, ist bis heute nicht gefunden worden.

In ihrem Stück Rechnitz (Der Würgeengel), das als Gastspiel der Münchner Kammerspiele bei den Wiener Festwochen im ausverkauften Theater Akzent zu erleben war, hat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek das Massaker von Rechnitz und Buñuels Film Der Würgeengel, in dem die Dienstboten gehen und die Herrschaft im eigenen Dreck verkommt, miteinander verknüpft. Der Jelinek-erprobte Regisseur Jossi Wieler hat aus den Textflächen der Autorin, in denen Boten der griechischen Tragödie von den Ereignissen berichten, einen beklemmend-großartigen Theaterabend gemacht.

Ensemble
Die anspielungsreichen, zynisch kalauernden, wild und wütend in alle Richtungen spekulierenden und assoziierenden Satzkaskaden der Dichterin hat Wieler auf fünf großartige Schauspieler, André Jung, Hildegard Schmahl, Katja Bürkle, Hans Kremer und Steven Scharf, verteilt, die, begleitet von schamloser Wohlfühlmusik (Wolfgang Siuda), unerhört gut gelaunt und dauernd Pizza, Hendl und Torten fressend, Schnaps saufend und einander begrapschend, das Ungeheuerliche erzählen. Verstörung im Publikum, viel Applaus.

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