Social Media-Trend

"Bullshit im Blümchenkleid": Warum das Tradwife-Phänomen gefährlich ist

Ein ruhiges Leben in Harmonie, zwischen Kindern und Herd in einem perfekten Häuschen... Der Tradwife-Trend wirkt verführerisch, ist jedoch gefährlich, wie ein neues Buch zeigt.  

"Bullshit mit Blümchenkleid“, so der prägnante Titel des neuen Buchs, in dem Autorin, Journalistin und Zweifach-Mama Barbara Haas einem Trend auf den Grund geht, der längst nicht nur in den USA – vor allem – Frauen begeistert, sondern auch Europa erreicht hat: das Tradwives-Phänomen. Die abgekürzte Form des Wortes „traditional wife“, das eine Ehefrau in klassischem Rollenbild beschreibt, klingt weit cooler als das, was sie vermittelt.

Nämlich den Rückzug der Frau zu traditionellen Werten, den Ehemann als Alleinverdiener, die Frau im Haus und am Herd, hübsch, perfekt – und abhängig. Genau hier setzt Barbara Haas, die sich in der Corona-Zeit selbst von den „Heile Welt“-Reels inspiriert fühlte, an. „Es versprach Entlastung. Frieden. Vielleicht sogar Glück“, schreibt sie in ihrem Buch. „Dann habe ich genauer hingesehen. Und festgestellt: Diese Idylle ist nicht nur eine Illusion, sie ist ein politisches Problem.“  

Autorin Barbara Haas ist Journalistin und Podcasterin („fair&female“) sowie Mutter von 14-jährigen Zwillingen.  

Autorin Barbara Haas ist Journalistin und Podcasterin („fair&female“) sowie Mutter von 14-jährigen Zwillingen.  

© Christoph Kleinsasser

Neue Lust an alten Rollenbilder - warum? 

Denn unter der pastellfarbenen Nostalgie seien genau jene Probleme versteckt, die nicht nur am Weltfrauentag Milliarden Frauen betreffen bzw. bedrohen: finanzielle Abhängigkeit, daraus folgende Altersarmut, Ungleichberechtigung und ein Rollback für unsere gesamte Gesellschaft. Warum die neue Lust an alten Rollenbildern „Bullshit“ ist und das Interview mit Autorin Barbara Haas (s. S. 22):

Bullshit, hübsch dekoriert

„Tradwives füttern Social Media mit einer Ästhetik, die perfekt in die Logik von Instagram passt: klassisch weiblich, hübsch, hingebungsvoll – und komplett realitätsfern“, heißt es in „Bullshit mit Blümchenkleid“. „Sie verzerren und verhöhnen in Wahrheit auch damit das Leben von Milliarden Frauen weltweit, die sich ihre Rolle nicht aussuchen können, sondern kochen, putzen, versorgen und dafür mit Abhängigkeit, Altersarmut und mangelnder Selbstbestimmung bezahlen.“ Dabei würden die Tradwife-Influencerinnen diese Rolle nicht einmal selbst wirklich leben, schließlich verdienen sie inzwischen mit ihren Accounts ein Vermögen. „Kurz: Bullshit, nur hübsch dekoriert.“  

Von wegen heile Welt: Barbara Haas warnt vor der inszenierten Idylle. 

Von wegen heile Welt: Barbara Haas warnt vor der inszenierten Idylle. 

© Getty

Rebranding der Arschkarte

„Die Geschichte zeigt glasklar“, so Haas in ihrem Buch, „die Hausfrau ist keine ,natürliche Bestimmung‘, sondern eine sozial erfundene Lösung für patriarchale und kapitalistische Probleme. Mit der Sesshaftigkeit kam Besitz, mit Besitz kam Kontrolle über Frauen, und mit der Industrialisierung wurde ihre unbezahlte Arbeit zum stillen Motor des Systems.“ Und genau diesen alten Mechanismus würden die heutigen Tradwives wieder aufgreifen. „Kein harmloser Trend, sondern Rebranding einer jahrtausendealten Arschkarte.“

Worum es wirklich geht

„Bei Tradwives ging es nie um Frauen – es ging immer um ihre Funktion. Für Kirchen. Für Parteien. Für Ideologien. Für Algorithmen. Liebevoll verpackt in Leinenkleidern, Gartenkräutern und „from scratch“-Videoloops“, erklärt Barbara Haas. Das Interview mit der Autorin:  

Das buch „Bullshit mit Blümchenkleid“ von Barbara Haas ist soeben im Carl Ueberreuter Verlag (um 16 Euro) erschienen.  

Das buch „Bullshit mit Blümchenkleid“ von Barbara Haas ist soeben im Carl Ueberreuter Verlag (um 16 Euro) erschienen.  

© Ueberreuter

Welche Gedanken bewegen Sie am Weltfrauentag – vielleicht andere, als noch in den letzten Jahren?
Barbara Haas:
Tatsächlich habe ich heuer andere Gedanken. Denn ich habe den Weltfrauentag eigentlich schon viele Jahre lang regelrecht abgelehnt. Ich dachte mir: Es ist immer dasselbe, es sind immer dieselben Themen, aber es ändert sich null und nichts! In diesem Jahr ist es ein bisschen anders für mich. Es ist viel zu tun und es geht zwar gefühlt immer noch um die gleichen Themen, aber jetzt denke ich mir:

Wenn wir es nicht tun, wenn ich es nicht tue, die ein bisschen Ressourcen dafür hat, wer soll denn dann noch diese Themen am Laufen halten, wenn wir alle von Krieg, Tod und Wirtschaftskrise so erschüttert sind, dass kaum mehr Raum für etwas anderes bleibt? Ich finde, es ist diesmal wirklich relevant, diesbezüglich wieder Flagge zu zeigen, damit man diese Themen und Frauen nicht vergisst.

Sie zeigen auch mit Ihrem neuen Buch Flagge, indem Sie sich dem aktuellen „Tradwives“-Phänomen annehmen. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie dieses Thema aufgreifen möchten?
Haas:
Ich wurde ja selbst verführt von diesen Tradwives und deren Social-Media-Videos, die ästhetisch sehr schön gemacht sind. Das war in der Corona-Zeit, als viele zu Hause waren. Damals bin ich zum ersten Mal auf diese Accounts gestoßen und habe mich inspirieren lassen. Ich fand das sehr schön, wohltuend und beruhigend, sich einmal ganz auf das Familienleben zu fokussieren. Das ist doch eigentlich eine gute Idee, dachte ich zuerst.

Erst einige Zeit später habe ich erkannt, wie schnell man von diesen pastellfarbenen Videos und von dem Kinderlachen zu religiös-radikalen, aber auch rechtsextremen Inhalten kommt. So funktionieren eben Social Media-Algorithmen. Plötzlich stehst du vor Fragen wie „Ja, was ist denn eigentlich die Rolle der Frau?“, „Was sind denn die religiösen Prinzipien?“, „Wo soll denn eigentlich eine Frau stehen in der Gesellschaft?“. Da dachte ich: Hoppla, das ist ein bisschen mehr als nur ein Rezept für Sauerteig!   

Woraufhin Sie begonnen haben, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Was hat Sie denn in Ihren Recherchen besonders überrascht?
Haas:
Überrascht hat mich am Ende das gleiche Gefühl, das ich oft beim Weltfrauentag habe: Warum ist das eigentlich immer noch so ein Thema? Warum werde auch ich davon so getriggert und fühle mich sofort hauptverantwortlich, wenn es um die Kinder geht? Dieses „Zuständig-Sein“ ist quasi die Klammer, die ich da gesehen habe. Die Tradwives-Inhalte werden ja hauptsächlich von Frauen konsumiert, von Männern gar nicht.

Daran erkennt man schon: In dem Moment, wo es um Familie, um Kinder geht, schauen eigentlich immer nur Frauen hin. Und was mich schockiert hat, war, wie stark diese Illusion von einer guten Mutter so schnell verknüpft wird mit: „Zieh dich zurück.“, „Sei wieder leise.“, „Kümmere dich um das, was du unter Anführungszeichen gut kannst.“. Das ist genau diese Brücke, die da geschlagen wird. Und weil wir eben in Social-Media-Zeiten leben, wird diese Brücke natürlich so schön dekoriert, dass uns diese Inhalte schnell ansprechen.

Man begibt sich auf diesen Weg und weiß am Ende gar nicht mehr: Warum bin ich jetzt immer noch in Teilzeit und warum mache ich nicht mehr Druck, dass mein Mann auch in Karenz gehen soll? Weil es uns eben verführt, uns quasi mit einem Lasso einfängt und dann in einer Rolle fixiert, die leider sehr oft in Altersarmut endet, aber auch die Gewalt, die finanzielle Abhängigkeit ignoriert und die für Frauen keinerlei tolle Perspektive bietet.

Nun würden aber viele Frauen auch fragen: Was ist denn schlecht daran, sich mehr um die Familie zu kümmern, wieder mehr Zeit für die Kinder zu haben und nicht im Stress unterzugehen?
Haas:
Dieser Wunsch ist per se ja überhaupt nicht verwerflich. In einer idealen Welt ließe sich so ein Lebensmodell auch gut führen, aber wir leben leider nicht in einer idealen Welt, weil unsere Welt von Kapital gesteuert ist. Und wenn du kein Geld hast, dann hast du schlechtere Karten. Solange diese ganze Care-Arbeit in keiner Art und Weise wirtschaftlich eingepreist ist, stellt sie automatisch einen Nachteil für Frauen dar. Altersarmut betrifft auch in Österreich vor allem Frauen.

Und solange nur Frauen sich überlegen, wie kann ich denn ein Kind kriegen und vielleicht noch finanziell überleben, solange wird das Problem nicht gelöst. Deswegen glaube ich, dass sich auch Männer viel stärker mit diesem Thema auseinandersetzen sollten, schließlich haben sie auch nicht nur Vorteile davon, der Ernährer sein zu müssen und dementsprechend auch weniger Zeit mit den Kindern zu haben. Eine derartige, alte Rollenverteilung ist für beide nicht wahnsinnig erfolgsversprechend.

Der Serienhit

Der Serienhit "Desperate Housewives" karikierte das Leben reicher Hausfrauen.

© Getty

"Dorthin schauen, wo es funktioniert!" 

Sie schreiben ja auch über die Freiheit, sich entscheiden zu können. Was würden Sie sich von Seiten des Staates wünschen, ohne dass dieser uns dann wieder in diese veralteten Rollenbilder zurückdrängt?
Haas:
Man sollte dorthin schauen, wo es funktioniert, wie nach Island oder andere skandinavische Länder. Es gibt dort eine verpflichtende Väterkarenz von zumindest sechs Monaten. Das ändert wahnsinnig viel – gesellschaftlich, in Firmenkulturen und auch für Männer. Wenn du nämlich ein paar Monate wirklich auch für diese Arbeit zuständig warst und gesehen hast, was es bedeutet, ändert sich viel. Zu sagen „Freiwilligkeit geht uns über alles“, anstatt die Karenzzeiten zum Wohle von beiden Geschlechtern aufzuteilen, halte ich wirklich für ein Feigenblatt.

Für Ihr Buch haben Sie auch ein Interview mit Ihrer Mutter, die Sie als Tradwife 1.0 bezeichnen, geführt. Sie sind mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Heute sind Sie berufstätige Mutter von Zwillingen. Was hat Sie dazu motiviert, einen anderen Weg einzuschlagen als Ihre Mutter?
Haas:
Mein Vater ist gestorben, da war ich erst 17 und meine Mama erst 52 Jahre alt. In dem Moment, wo klar war, dass die finanzielle Situation unserer Familie überhaupt nicht so war, wie das meine Mama gedacht hatte, weil auch mein Vater sie da überhaupt nicht informiert hatte, war mir schon klar: Wenn du nicht selber das Steuer in der Hand hast, zumindest deiner Finanzen, dann kann es sehr blöd ausgehen.

Das war für mich ein Reminder: Was immer ich tue mit meinem Leben, ich muss mein eigenes Überleben sichern! Ich war wirklich nicht lange in Karenz und bin dann wieder relativ voll eingestiegen. Weil für mich immer die Frage zentral ist: Geht sich mein Leben auch ohne Mann aus?

Ihre Kinder sind jetzt 14 Jahre alt. Was geben Sie ihnen mit auf den Weg?
Haas:
Ich habe von meiner Mama gelernt: Erziehung ist Liebe und Vorbild. Ich versuche, ihnen zu zeigen, dass mein Leben eine Möglichkeit ist. Und: Augen auf bei der Partnerwahl, wenn man gerne eine Familie hat! Leider zeigen die Rollenbilder, die den Kindern etwa in der Schule vorgelebt werden, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Aber das bedeutet nicht, dass man es nicht weiter forcieren muss, weil die Hoffnung stirbt zuletzt.

Braucht es heute einen anderen Feminismus als vor 20 Jahren, Ihrer Meinung nach?
Haas:
Ich denke, dass man sich vielleicht ein bisschen resetten könnte und sich fragen sollte: Was sind denn die drei großen Themen, auf die wir uns alle einigen können? Der Feminismus hat in den letzten Jahren ein bisschen den Fehler gemacht, sich zu sehr in kleine Themen zu verbeißen und darüber hinaus zu vergessen, was die großen Wegpfeiler sind.

Es wurde wahnsinnig viel erreicht, aber ich glaube, zum Beispiel Care-Arbeit, die Aufteilung von Karenzzeiten und Gewalt gegen Frauen – darauf sollte man sich einigen und geschlossen daran arbeiten, Männer mitnehmen und wirklich Kraft auf die Straße bringen. Ich denke, man tut Frauen wie Männern keinen großen Gefallen damit, sich diesen Themen in akademisch geführten Bubbles zu widmen. Dafür sind sie aus meiner Sicht viel zu wichtig.

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