Digitale Gewalt

Frauenhass im Netz: Warum die EU Alarm schlägt & wie Europa gegensteuert

Zum Internationalen Frauentag am 8. März lud das Europäische Parlament zu einer interparlamentarischen Sitzung und einem Medienseminar nach Brüssel ein. Zwischen Plenarsälen und Expert:innen wurde eines schnell klar: Digitale Gewalt ist kein „Internetproblem“ – sie ist ein Angriff auf Demokratie.

Brüssel, kurz vor dem 8. März. Im Europäischen Parlament liegt eine besondere Energie in der Luft. Politikerinnen, Journalistinnen, Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen aus ganz Europa kommen zusammen, um über eines der drängendsten Themen unserer Zeit zu sprechen: Gewalt gegen Frauen im digitalen Raum.

Dabei geht es längst nicht um „ein paar böse Kommentare auf Instagram“. Es geht um systematisches Silencing. Das Motto der Veranstaltung bringt es auf den Punkt: Wer Frauen die Stimme nimmt, schwächt die Demokratie. Denn wenn Frauen aus Online-Debatten gedrängt werden, verstummt ein zentraler Teil unserer öffentlichen Diskussion.

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Alte Gewalt, neue Werkzeuge

Ein Satz aus den Panels hallt besonders nach: „Es ist dieselbe alte Gewalt – nur mit neuen Tools.“ 

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Misogynie ist so alt wie das Patriarchat selbst, doch das digitale Zeitalter hat den Tätern ein gefährliches Upgrade verpasst. Social Media ermöglicht es, Hass in Sekunden zu verbreiten, Menschen zu koordinieren und Frauen gezielt anzugreifen.

Das „Silicon Valley“-Problem 

Doch warum ist das Internet oft so frauenfeindlich? Die Antwort liegt auch in der Struktur der Plattformen selbst. Viele der größten Tech-Unternehmen wurden in der sogenannten „Bro-Culture“ des Silicon Valley gegründet – von weißen, männlichen Milliardären, für die die Sicherheit von Frauen selten Priorität hatte.

Hinzu kommt ein Problem, das immer wieder angesprochen wird: Die Plattformen sind nicht neutral. Ihre Algorithmen folgen einer einfachen Logik: Konflikt erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit erzeugt Klicks – und Klicks erzeugen Geld. Hass wird so zu einem Geschäftsmodell. Dass dabei die Sicherheit von Frauen geopfert wird, ist in diesem System kein Fehler, sondern kalkuliertes Business. 

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Das Ziel: Frauen aus der Öffentlichkeit drängen

Besonders hart trifft es jene Frauen, die sichtbar sind und ihre Stimme erheben: Politikerinnen, Journalistinnen oder Content Creatorinnen.

Die ehemalige slowakische Präsidentin Zuzana Čaputová schilderte, wie diese Angriffe aussehen. Während ihrer Amtszeit wurde sie nicht nur politisch kritisiert – sie wurde gezielt als Frau angegriffen. Ihr Aussehen wurde kommentiert, ihre Rolle als Mutter instrumentalisiert, sogar ihre Kinder wurden bedroht. Das Ziel solcher Attacken ist klar: Frauen so lange zu zermürben, bis sie sich zurückziehen. 

Die Zahlen, die Expertinnen wie die spanische EU-Abgeordnete Lina Gálvez oder die deutsche Europaabgeordnete Alexandra Geese präsentierten, sind alarmierend:

  • 70 Prozent der Frauen verändern ihr Verhalten in sozialen Medien nach Belästigung.
  • 32 Prozent posten ihre Meinung zu bestimmten Themen gar nicht mehr.

Mit anderen Worten: Jede dritte Frau zieht sich aus dem öffentlichen Diskurs zurück. Das ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem – es ist ein demokratisches. 

In Europa stehen Tech-Unternehmen nicht über dem Gesetz 

Die Botschaft aus dem Europäischen Parlament war daher eindeutig: Tech-Unternehmen stehen in Europa nicht über dem Gesetz.

Mit dem Digital Services Act (DSA) und der neuen EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen werden Plattformen stärker in die Pflicht genommen. Sie müssen künftig schneller gegen schädliche Inhalte vorgehen, etwa gegen Deepfakes oder sogenannte Rachepornos, die zu 99 Prozent Frauen betreffen.

Wir lassen uns nicht länger von Algorithmen diktieren, wie sicher wir uns fühlen dürfen. Die Zeit der digitalen Verantwortungslosigkeit soll damit ein Ende haben. 

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Das hartnäckige Problem des Victim Blaming

Doch Gesetze allein reichen nicht. Eine aktuelle Eurobarometer-Umfrage zeigt, wie tief gesellschaftliche Vorurteile weiterhin sitzen: 43 Prozent der Europäer:innen glauben noch immer, Frauen seien zumindest teilweise selbst schuld, wenn intime Bilder ohne Zustimmung verbreitet werden – sofern sie diese ursprünglich selbst geteilt haben. Es ist das digitale Pendant zu der alten Frage: „Aber was hatte sie denn an?“ 

Expertinnen wie die Journalistin Ingrid Brodnig oder die Psychologin Imane Raissali betonen deshalb, wie wichtig ein Perspektivwechsel ist. Die Scham muss endlich von den Opfern zu den Tätern und Plattformbetreibern verschoben werden. 

Frauen kämpfen zurück

Trotz der ernsten Zahlen war die Stimmung im Europäischen Parlament alles andere als resigniert. Im Gegenteil: Politikerinnen, Aktivistinnen und Journalistinnen arbeiten gemeinsam daran, das Internet wieder zu dem zu machen, was es einmal versprach zu sein – ein Ort der Vernetzung, der Information und des Empowerments. 

Der Internationale Frauentag erinnert uns daran, dass Frauen ihren Platz längst erkämpft haben – auf der Straße, im Parlament und auch im digitalen Raum. Und eines wurde in Brüssel besonders deutlich: Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen. Denn eine Demokratie, in der Frauen aus Angst verstummen, ist keine echte Demokratie.

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