Heldin von Avignon

Gisèle Pelicots Buch: Hymne an das Leben und eine neue Liebe

Zehn Jahre lang wurde Gisèle Pelicot von ihrem Ehemann regelmäßig betäubt, von ihm und über 70 weiteren Männern vergewaltigt. Im Rahmen des Prozesses wurde Pelicot als „Heldin von Avignon“ berühmt. Jetzt hat sie ihr erschütterndes Buch veröffentlicht.

„Betreiben Sie Partnertausch?“ Es ist der 2. November 2020, der ihr Leben für immer verändern, ja, beinahe zerstören wird. Kommissar Perret konfrontiert Gisèle Pelicot, seit 1973 scheinbar glücklich mit Dominique Pelicot verheiratet und Mutter dreier erwachsener Kinder, mit unzähligen Bildern und Videos, die sie selbst zeigen. Regungslos und betäubt, während sie vergewaltigt wird. Der Polizist ahnt bereits, dass Frau Pelicot nicht weiß, welch Gräueltaten sie jahrelang zum Opfer gefallen war. „Ich war fassungslos. Ich hörte mich sagen, nein, nie im Leben, das sei ja grauenhaft, ich hörte mich stammeln, Partnertausch komme für mich nicht infrage. Ich würde es nicht ertragen, wenn Fremde mich anfassten...“, erzählt sie nun in ihrem Buch.  

Das Buch „Eine Hymne an das Leben“ von Gisèle Pelicot ist  bei Piper um 25,70 Euro erschienen.  

Das Buch „Eine Hymne an das Leben“ von Gisèle Pelicot ist  bei Piper um 25,70 Euro erschienen.  

© Piper Verlag

„Ich wollte nie auf die Opferrolle reduziert werden"

„Eine Hymne an das Leben“ nennt die inzwischen 73-Jährige ihr ebenso erschütterndes wie berührendes Werk. Die „Heldin von Avignon“, wie sie seit dem öffentlichen Prozess gegen ihre Peiniger genannt wird, „wollte nie auf die Opferrolle reduziert werden, nie die arme kleine Frau sein,...“, wie sie in einem ihrer wenigen Interviews, mit dem „Spiegel“, sagt. „Was passiert ist, kann ich ohnehin nicht vergessen. Also versuche ich, etwas daraus zu machen.“

Tatsächlich wurde Gisèle Pelicot bereits während des Prozesses, der mit einem Schuldspruch für alle Angeklagten und 20 Jahren Haft für Dominique Pelicot endete, zu einer Symbolfigur für den Kampf gegen patriarchale Gewaltstrukturen – und ein Umdenken in der Gesellschaft, was Opfer und Täter betrifft. „Die Scham muss die Seite wechseln“, lautet der Subtitel von Pelicots Buch. Mit diesem Slogan löste sie 2024 eine Frauenbewegung in ganz Frankreich und auch international aus.

2024 fand der Prozess gegen Dominique Pelicot und die weiteren Peiniger seiner Frau statt.  

2024 fand der Prozess gegen Dominique Pelicot und die weiteren Peiniger seiner Frau statt.  

© Getty

„Ich habe Stunden unter der Dusche verbracht, ich wollte all den Schmutz loswerden..." 

Ihre unfassbare Kraft konnte sie nach dem völligen Zusammenbruch ihres vermeintlich glücklichen, normalen Familienlebens erst nach und nach schöpfen. „Ich habe Stunden unter der Dusche verbracht, ich wollte all den Schmutz, den Schlamm loswerden, den diese Männer auf meinem Körper hinterlassen hatten“, erzählt Gisèle im „Spiegel“-Gespräch. Ihre Entscheidung, den Prozess öffentlich stattfinden zu lassen, habe maßgeblich zu ihrem Seelenwohl beigetragen. Wenngleich diese von vielen – auch von ihrer Tochter Caroline – nicht verstanden wurde. Auch von ihr existieren Fotos, schlafend, in Unterwäsche... „Sie wartet auf Antworten, die sie bisher nicht bekommen hat. Mit dem Zweifel leben zu müssen, ist wie eine ewige Hölle.“

Als

Als "Heldin von Avignon" wurde Pelicot gefeiert -  sie selbst mag den Ausdruck "Heldin" nicht. 

© Pascal Ito

„Er hatte alles besudelt. Wirklich alles und jeden."

Schwer zu ertragen sind die Beschreibungen von Pelicots Martyrium in ihrer „Hymne an das Leben.“: „Nichts war mehr heilig. Er hatte alles besudelt. Wirklich alles und jeden. Jedes einzelne Zimmer im Haus. Unseres. Das unserer Kinder. Die Richterin las mir dann vor, was Dominique ausgesagt hatte, als sie ihm die Bilder vorlegte. Er habe sie mehrmals im Internet geteilt, aber ,nicht so viele Male‘“, schreibt sie über den Prozess, in dem sie während der Aussagen und der Videos, die die Taten ihrer Peiniger zeigten, stets konzentriert auf ihr Handy blickte. Was sie sich da angesehen habe, wird sie im Interview mit dem „Spiegel“ gefragt. „Fotos, Bilder von meinen Lieblingsstränden auf der Ile de Ré. Von meinen Enkelkindern, von Landschaften, die ich liebe... Ich kannte die Videos ja, mein Gehirn musste sich mit etwas anderem beschäftigen, ich wollte weg aus diesem Gerichtssaal, zumindest mental.“  

Gisèles Mut trat eine Welle der Solidarität los – unter dem Credo: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ 

Gisèles Mut trat eine Welle der Solidarität los – unter dem Credo: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ 

© Getty

„Ich hätte mir nie vorstellen können, mich noch einmal zu verlieben.“  

Nach Erscheinen ihres Plädoyers für die Würde von Opfern, für ein Leben ohne Scham und den freien Umgang mit der eigenen Geschichte möchte Gisèle Pelicot vor allem eines: „Ich möchte sagen, dass ich am Leben bin. Dass ich an die Liebe glaube, an sie glauben muss“, schreibt sie und sagt: „Ich erlebe wieder glückliche Momente. Was auch daran liegt, dass es einen neuen Mann in meinem Leben gibt. Ich hätte mir nie vorstellen können, mich noch einmal zu verlieben.“ Aber dann habe sie der Zufall mit einem Mann zusammengeführt, der selbst viel Leid erfuhr. „Dahinter verbirgt sich eine wichtige Botschaft: Es existiert ein Weg aus der Dunkelheit heraus. Auch das möchte ich mit meinem Buch mitteilen.“ Sie wisse, so die letzten Zeilen ihrer „Hymne an das Leben“, dass sie die Liebe verwundbar mache. „Aber ich bin bereit, dieses Risiko weiterhin einzugehen. Denn die Liebe ist zugleich meine mächtigste Rüstung.“

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