Eklat im Morgengrauen. Er bedanke sich "bei allen Stiftungsräten außer bei meinem Vorredner (Anmerkung: Peter Westenthaler), der agiert hat wie ein Wut-Chihuahua", ätzt ÖVP-Stiftungsrat Bernhard Wiesinger in der Schlussrunde der ORF-Marathonsitzung, in der schließlich Clemens Pig gekürt wurde.
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"Das ist ein Tier-Vergleich wie bei den Nazis. Das ist ein Skandal", kontert der von der FPÖ nominierte ORF-Stiftungsrat Westenthaler weit nach Mitternacht lautstark.
Damit endete die wohl längste Stiftungsratssitzung – über 15 Stunden – im sechsten Stock des ORF am Küniglberg, wie sie de facto begonnen hatte: mit Schreiduellen und giftigen Kommentaren.
Selten zuvor war eine ORF-Generaldirektorenwahl so hitzig und so sehr von Klagen bedroht wie jene vom Donnerstag.
Über zweieinhalb Stunden wurde Pig von den 35 Stiftungsräten befragt. Eine Stunde lang versuchte vor allem Westenthaler ihn ausrutschen zu lassen und als "Postenschacher-Kandidat" darzustellen. Pig wies das immer wieder von sich. Als ÖVP-Stiftungsrats-Vizechef Gregor Schütze (ÖVP) Westenthaler zu Mittag plötzlich sagt "wir sind hier nicht am Fußballplatz", eskaliert die Situation erstmals. "Putz dich", schreit ihn Westenthaler an.
Ein Favorit, ein Außenseiter, eine Überraschung
Druck. Die Nervosität im großen Sitzungssaal ist spürbar. Vor allem türkise Stiftungsräte haben Angst, nach dieser Wahl vor Gericht stehen zu müssen, falls sie den Favoriten Pig wählen würden. Westenthaler kündigte schließlich bereits im Vorfeld Klagen an. Und auch das Land Burgenland prüft eine Klage nach der Wahl von Pig, obwohl pikanterweise der aus dem Burgenland entsandte Stiftungsrat – Überraschung! – eben Pig gewählt hat. Der Anwalt von Hans Peter Doskozil, Johannes Zink, hatte übrigens nur 48 Stunden vor der ORF-Wahlsitzung alle Stiftungsräte via E-Mail "aufgeklärt", was "strafrechtlich relevantes" Verhalten (Stichwort: Postenschacher) sei.
21 Stiftungsräte – er hätte 18 gebraucht – haben letztlich für den 51-jährigen Tiroler Pig votiert. Und die Überraschung der Nacht: Jener Kandidat, den sich laut ÖVP Bundeskanzler Christian Stocker ausgesucht habe, erhielt mehr Stimmen von roten als türkisen Stiftungsräten. Von den Roten wich nur Leonhard Dobusch ab und wählte ORF-Magazin-Chefin Lisa Totzauer. Alle anderen aus dem SPÖ-Freundeskreis im Aufsichtsratsgremium wählten mit ihrem Vorsitzenden Heinz Lederer für Pig.
In der ÖVP gab es hingegen gleich fünf Abweichler: Die Stiftungsräte aus den schwarz-blau regierten Ländern Oberösterreich und Niederösterreich wählten ebenso für Ex-Warner-Brothers-Manager Johannes Larcher wie zwei weitere ÖVP-Stiftungsräte sowie der von der Steiermark entsandte und ein blauer Stiftungsrat (Christoph Urtz).
Damit kam Außenseiter Larcher mit sechs Stimmen auf die meisten nach Pig. Vier Stimmen gingen an Ex-Puls4-Chef Markus Breitenecker (drei Neos und ÖVP-Stiftungsrat Ewald Aschauer). Totzauer erhielt neben Dobusch noch die Stimmen von Zentralbetriebsrätin Christiana Jankovics und der Grünen Aichberger.
Eine Stimme erhielt ORF3-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut – nämlich jene von Peter Westenthaler. Dieser "fühlt sich durch die Wahl von Pig bestätigt, dass alles seit Wochen ausgemacht war zwischen ÖVP und SPÖ".
ÖVP-SPÖ-Personal- paket wackelt jetzt
Drehung. Aber: Die vier Direktorenposten, die sich ÖVP und SPÖ anscheinend hinter den Kulissen – kaufmännische Direktion und Technik (ÖVP), Programm und Radio (SPÖ) – ausgemacht hätten, "werden nie und nimmer halten. Das wird jetzt ganz aufgeschnürt", so mehrere Eingeweihte. Alle Namen, die bereits genannt wurden, seien "verbrannt".
Dass Kathrin Zierhut die mächtige kaufmännische Direktion erhalten könnte, würden "aber sowohl Rote als auch Schwarze ablehnen".
Das wiederum könnte die FPÖ befeuern, neben einer Popularbeschwerde auch eine nach dem Gleichstellungsgesetz einzubringen. Demnach müssten bei öffentlichen Unternehmen "gleich qualifizierte Frauen" eigentlich den Zuschlag erhalten.
Dass Zierhut klagt, bezweifeln allerdings ORF-Kollegen.
Erste Sitzung. Entscheidend sei jetzt jedenfalls, dass Pig bis zur Direktorensitzung am 21. Juli versuche, ein möglichst unabhängiges Team zusammenzustellen.
"Vor allem die SPÖ hat aber so geschlossen für ihn gestimmt, dass die sicher auf Chefredaktions- und Infobesetzungen drängen werden", ätzen deren Regierungsfreunde aus ÖVP und Neos. Na dann.
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