Ratgeber

Karrierefaktor Sex: So meistern Sie Beziehungen am Arbeitsplatz

Liebe im Job ist keine Seltenheit, aber selten ist der offene Umgang damit. Wie man Beziehungen & Gefühle auch am Arbeitsplatz gut meistern kann, zeigt Therapeutin Nancy Hanisch in ihrem neuen Buch. 

Es passiert öfter, als man denkt: Zwei Kollegen kommen einander näher, ein Flirt entwickelt sich, vielleicht sogar eine ernsthafte Beziehung. Oder es knistert im Team, ohne dass jemand den ersten Schritt wagt. Romantische Gefühle am Arbeitsplatz sind kein Ausnahmefall, sondern Realität – und dennoch werden sie häufig verschwiegen. Über Zahlen, Prozesse und Termine wird offen gesprochen, über Nähe, Begehren und Verletzlichkeit dagegen kaum. Dabei können gerade diese Dynamiken das Klima im Unternehmen stärker prägen, als viele glauben. 

Liebe im Job ist keine Seltenheit. Wie man damit umgeht, verrät die Expertin.

Liebe im Job ist keine Seltenheit. Wie man damit umgeht, verrät die Expertin.

© Getty

Wenn Nähe, Spannung, Macht und echte Begegnung aufeinandertreffen... 

Die Sexualtherapeutin Nancy Hanisch hat sich mit diesem Tabu eingehend beschäftigt. In ihrem soeben erschienenen Buch „Karrierefaktor Sex“ untersucht sie, warum Liebe im Büro so häufig entsteht, weshalb sie oft als Störfaktor wahrgenommen wird – und welches Potenzial in einem reflektierten, transparenten Umgang damit liegt. „Wenn Nähe, Spannung, Macht und echte Begegnung aufeinandertreffen, entscheiden oft nicht die Umstände, sondern unsere inneren Werte und Grenzen“, so die Autorin.

Nancy Hanisch ist Sexualtherapeutin und Dozentin. Ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Verhaltens- und Organisationspsychologie vermittelt sie in Vorträgen und Workshops. 

Nancy Hanisch ist Sexualtherapeutin und Dozentin. Ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Verhaltens- und Organisationspsychologie vermittelt sie in Vorträgen und Workshops. 

© Gold Verlag
 

In einer Arbeitswelt, in der sich Berufs- und Privatleben zunehmend vermischen und Zugehörigkeit wichtiger wird, lassen sich Gefühle nicht einfach ausklammern. Wer sie ignoriert, riskiert Konflikte und unterschwellige Spannungen. Wer sie ernst nimmt, kann daraus sogar einen Vorteil ziehen – das gilt für Mitarbeitende wie für Unternehmen. Nancy Hanisch belässt es jedoch nicht bei der Analyse. In ihrem Buch zeigt sie, wie sich Nähe, Professionalität und Verantwortung vereinbaren lassen – und gibt konkrete Orientierung für all jene, die mitten im Arbeitsalltag mit romantischen Gefühlen konfrontiert sind. 

Verliebt im Job

Liebe hält sich nicht an Dienstpläne. Wer sich im Büro verliebt, erlebt nichts Ungewöhnliches, sondern etwas zutiefst Menschliches. Arbeit ist längst mehr als ein Ort der Pflichterfüllung. Sie ist sozialer Raum, Identitätsanker, manchmal sogar Ersatz für klassische Gemeinschaften. Hier verbringen wir Zeit, teilen Druck, feiern Erfolge, sprechen über Privates. Nähe entsteht oft leise – und manchmal schneller, als einem lieb ist. Nancy Hanisch macht deutlich, dass es wenig sinnvoll ist, diese Realität zu ignorieren.

Gefühle verschwinden nicht, nur weil sie unpraktisch sind. Wer sie verdrängt, zahlt häufig emotional einen höheren Preis.Besonders komplex werden Beziehungen dort, wo Macht im Spiel ist. Hierarchische Abhängigkeiten verändern die Wahrnehmung – unabhängig davon, wie fair sich die Beteiligten verhalten. Studien zeigen, dass Frauen häufiger erleben, dass ihre Kompetenz infrage gestellt wird, sobald eine Beziehung bekannt wird. Erfolge werden schneller relativiert, Motive hinterfragt. Ob Liebe im Büro zur Karrierechance oder zum Risiko wird, hängt deshalb weniger von den Gefühlen ab als vom Kontext, von Sichtbarkeit und Unternehmenskultur.

Zwei Welten

Liebe am Arbeitsplatz war auch in der Serie

Liebe am Arbeitsplatz war auch in der Serie "Suits" ein Topthema...

© Screenshot Netflix
 

Der Arbeitsplatz folgt eigenen Regeln. Rollen, Hierarchien und Erwartungen strukturieren den Alltag. Professionalität bedeutet Kontrolle, Verlässlichkeit und Distanz. Eine Liebesbeziehung durchbricht dieses genormte Gefüge. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Leistung, sondern um Nähe, Begehren, Verletzlichkeit. Masken fallen, Dynamiken verschieben sich und die Grenzen zwischen privater und beruflicher Ebene lösen sich auf. Diese Vermischung zweier Welten macht Liebe im Büro so sensibel. Sie betrifft nicht nur zwei Menschen, sondern immer auch das System, in dem sie arbeiten.

Klarheit statt Heimlichkeit

Oft entsteht der größte Druck nicht innerhalb der Beziehung, sondern von außen. Kolleginnen und Kollegen beobachten, interpretieren, ziehen Schlüsse. Schon ein gemeinsamer Kaffee kann Fragen aufwerfen: Wird jemand bevorzugt? Leiden Projekte darunter? Selbst unbegründete Vermutungen können das Klima belasten. Nancy Hanisch betont, dass bereits der bloße Eindruck mangelnder Objektivität ausreicht, um Spannungen zu erzeugen. Wo nicht gesprochen wird, übernehmen Gerüchte die Kommunikation.

Viele Paare entscheiden sich deshalb zunächst für Verschwiegenheit – aus Angst vor beruflichen Nachteilen, vor Klatsch oder davor, nicht mehr ernst genommen zu werden. Doch Heimlichkeit ist selten neutral. Sie erzeugt innere Anspannung, verstärkt Unsicherheit und macht abhängig vom Urteil anderer. Ein reflektierter, transparenter Umgang kann entlasten – nicht im Sinne von Offenlegung, sondern als klare Haltung. Wer selbst bestimmt, was sichtbar wird, behält die Kontrolle über die eigene Geschichte. 

Werte als innerer Halt

Liebe im Job wirft Fragen auf, die man sich sonst vielleicht nicht stellt. Wie wichtig ist mir meine Unabhängigkeit? Wo liegen meine Grenzen? Welche Rolle spielt Integrität für mich? Welche langfristigen Karriereziele habe ich und wie könnte diese Beziehung sie beeinflussen? Nancy Hanisch beschreibt Werte als inneren Kompass, der gerade dann Orientierung gibt, wenn Gefühle stark sind. Diese Werte sind individuell. Für manche Menschen steht Loyalität an erster Stelle, für andere Unabhängigkeit oder berufliche Entwicklung. Entscheidend ist, die eigenen Grenzen und Werte zu kennen – bevor äußere Erwartungen die Richtung vorgeben.

Kommunikation

Eine Liebesbeziehung im Job bringt besondere Herausforderungen mit sich, denn Spannungen bauen sich leichter auf. Nicht jede Konfliktsituation lässt sich vermeiden und irgendwann wird ein klärendes Gespräch notwendig. Entscheidend ist dann weniger der Anlass als die Art, wie gesprochen wird. Gerade in emotionalen Momenten fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Gespräche kippen schnell in Vorwürfe oder Ausweichmanöver, obwohl eigentlich Verständnis und Klarheit gefragt wären.

"Karrierefaktor Sex - Wenn sich Lieblinge am Arbeitsplatz begegnen" von Nancy Hanisch ist im Gold Verlag um 21,50 Euro erschienen.

© Gold Verlag
 

Eine bewährte Hilfe bietet dabei die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg. Mit der alltagstauglichen Struktur „Wenn – Dann – Weil – Deshalb“ kann man die eigenen Grenzen klar benennen, ohne das Gegenüber anzugreifen. Dieses Vorgehen fördert Gespräche, die lösungsorientiert bleiben. Zunächst wird eine konkrete Beobachtung beschrieben – sachlich und ohne Bewertung. Anschließend werden die eigenen Gefühle benannt, gefolgt von den dahinterliegenden Bedürfnissen oder Werten. Den Abschluss bildet eine klare, konkrete Bitte oder ein Lösungsvorschlag. Diese Abfolge verhindert Schuldzuweisungen und lenkt den Fokus auf Verständigung und Handlungsmöglichkeiten. 

Tipps für den Alltag

Wenn zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen über die Beziehung am Arbeitsplatz spekulieren, kann man ruhig aussprechen, dass dies Unbehagen auslöst und dass man sich wünscht, dass die eigene Arbeit in den Vordergrund gestellt wird. Auch im Gespräch mit Führungskräften ist Klarheit gefragt: Wer offen sagt, dass kritisches Nachfragen zur Beziehung verunsichert, weil eine objektive Leistungsbewertung wichtig ist, signalisiert Professionalität statt Abwehr.

Im direkten Austausch mit dem Partner oder der Partnerin hilft die Methode, berufliche und private Ebenen zu trennen. Werden persönliche Themen während der Arbeitszeit angesprochen, lässt sich erklären, dass dies die Konzentration beeinträchtigt – verbunden mit dem Wunsch, solche Gespräche bewusst in den privaten Rahmen zu verlegen. Ebenso kann bei Getuschel ruhig und respektvoll Position bezogen werden. 

Trennung – was nun?

Auch das Ende einer Beziehung am Arbeitsplatz ist eine besondere Belastungsprobe. Während man sich im privaten Umfeld zurückziehen kann, bleibt im Job oft keine Möglichkeit zur Distanz. Gleichzeitig verändert sich die Dynamik im Umfeld. Neben dem emotionalen Schmerz entsteht so zusätzlicher Druck durch Beobachtung und Bewertung.

Der wichtigste erste Schritt ist die Akzeptanz der veränderten Situation. Die Beziehung ist vorbei, und diese Realität muss anerkannt werden, um handlungsfähig zu bleiben. Ein sachlicher, klarer Umgang im Arbeitskontext hilft, das Private vom Beruflichen zu trennen. Ein nüchterner Hinweis, dass die Trennung keinen Einfluss auf die Zusammenarbeit haben soll, kann Gerüchten vorbeugen und Grenzen setzen. Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen oder das Suchen von Verbündeten im Team verschärfen dagegen die Situation und sollten vermieden werden.

Emotionen dürfen da sein – sie gehören zu einer Trennung dazu. Am Arbeitsplatz sollten sie jedoch reguliert und nicht ausgelebt werden. Intime Gespräche, Vorwürfe oder Details aus der Beziehung haben im beruflichen Kontext keinen Platz. Hilfreich ist es, klare Regeln für den Umgang miteinander zu vereinbaren: respektvolle Kommunikation, Verlässlichkeit bei Aufgaben und die Bereitschaft, sich nicht aus unangenehmen Situationen herauszuziehen. Ebenso wichtig ist der Selbstschutz. Wird die emotionale Belastung dauerhaft zu hoch oder das Arbeitsklima unerträglich, kann ein Team- oder Arbeitsplatzwechsel sinnvoll sein.

Offenheit statt Tabu

Liebe im Büro ist weder Karrierekiller noch Allheilmittel. Sie kann bereichern oder belasten, oft beides zugleich. Entscheidend ist nicht, ob Gefühle entstehen, sondern wie bewusst, respektvoll und reflektiert mit ihnen umgegangen wird. Eine Unternehmenskultur ohne Tabus entsteht nicht durch Schweigen, sondern durch bewusste Haltung. Themen wie Liebe, Beziehungen oder Trennungen am Arbeitsplatz existieren – ob sie angesprochen werden oder nicht. Werden sie tabuisiert, gibt man Gerüchten und Flurfunk Macht. Wer sich selbst ernst nimmt, Grenzen kennt und Haltung zeigt, kann Nähe und Professionalität miteinander verbinden. Auch – und gerade – im Büro. 

Text: Claudia Semrau

Fehler im Artikel gefunden? Jetzt melden.
OE24 Logo
Es gibt neue Nachrichten