TV-Phänomen

Im Bann der Teenie-Serien

© Courtesy of Prime
Mit "Sterling Point" startet auf Amazon Prime die nächste Coming-of-Age-Serie. Wir erklären, warum die Serien auch bei Erwachsenen so ein Hit sind. Plus: Der Überblick über die Neustarts.
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Früher haben wir jede Woche auf eine neue Folge der "Gilmore Girls" gewartet, die Dramen in "O.C., California" verfolgt und gerätselt, wer sich eigentlich hinter dem Pseudonym "Gossip Girl" verbirgt. Viele haben die Teenieserien der 90er- und frühen 2000er-Jahre bis ins Erwachsenenalter begleitet. Nicht ohne Grund hat Netflix die "Gilmore Girls" vor zehn Jahren wieder aufleben lassen und mit "Ein neues Jahr" Fragen, die Millionen von Fans sich gestellt haben, beantwortet. Sind Lorelai und Luke zusammen glücklich geworden? Wurde aus Rory die Star-Journalistin, die sie immer sein wollte? Auch wenn die Neuauflage für gespaltene Meinungen gesorgt hat, haben wir sie angeschaut und wissen es jetzt wenigstens.

TV zum Wohlfühlen

Sich alte Folgen der "Gilmore Girls" oder von "Dawson’s Creek" anzusehen, hat etwas Vertrautes. Als würde man in diesen einen uralten Lieblingspulli schlüpfen, den man seit Jahren nicht aussortieren kann, weil man daran hängt. Dass Frauen in ihren 30ern und 40ern zu den Serien ihrer Jugend zurückkehren, ist nicht überraschend. Aber damit ist unser Hunger nach Teenie-Dramen nicht gestillt. Wer Team Conrad oder Team Jeremiah ist, war letzten Sommer, als die finale Staffel von "The Summer I Turned Pretty" gelaufen ist, nicht nur bei Teenies ein Thema, sondern auch bei ihren Müttern. "Off Campus" haben wir genauso durchgebinged wie "Maxton Hall" und sind unterwegs dem Charme von Belmont Cameli oder Damian Hardung erlegen.

Dramen in Serie

"Ich und die Walter Boys" geht ab 6. August auf Netflix weiter: Noch mehr Drama in Colorado Jackie, die nach dem Unfalltod ihrer Eltern aufs Land ziehen musste, steht zwischen zwei Brüdern: Alex, ihrem Freund, und Cole, für den sie tiefe Gefühle hegt. Am Ende der letzten Staffel gestand Cole ihr seine Liebe. Nun muss Jackie sich entscheiden... © COURTESY OF NETFLIX

Amazon Prime hat das große Potenzial erkannt. Nach "The Summer I Turned Pretty" und "Maxton Hall" kam heuer neben "Off Campus" auch schon "Every Year After" heraus, die Serienadaption von Carley Fortunes Bestseller-Roman „Every Summer After”. Als nächstes ist "Sterling Point" (ab 5. August) am Start. Das Rezept ist ebenso einfach wie bewährt: große Teeniegefühle, gut gehütete Familiengeheimnisse, die endlich ans Licht kommen, und eine malerische Kulisse, in der wir uns auch gerne wiederfinden würden.

Der Nostalgie-Faktor

Dass Frauen rund um den Globus, die der Zielgruppe längst entwachsen sind, ein Coming-of-Age-Drama nach dem anderen durchsuchten, liegt weniger an der tollen Handlung – meistens sind die Geschichten eher seicht und vorhersehbar. Es liegt viel mehr an tiefen Bedürfnissen, die diese Serien in uns stillen.

"Maxton Hall" geht zu Ende. In der dritten und letzten Staffel muss Ruby um ihren großen Traum vom Oxford-Studium kämpfen, eine Intrige um kompromittierende Fotos aufklären und eine weitere Zerreißprobe für ihre Beziehung mit James (Damian Hardung) überstehen.
 Ab Dezember auf Amazon Prime. © Boris Laewen/Prime Video

Die Besessenheit, mit der Millennials und Gen X sich in Jugendserien vertiefen, zeigt, was uns in unserer heutigen Welt fehlt. Sie versetzen uns in eine Zeit, in der unser Leben einfacher war und unsere Sorgen kleiner. Als die Sommer endlos schienen, wir uns unsterblich verliebten und uns alle Möglichkeiten offenstanden.

Ein bisschen verklärt

James Arvanitakis, Soziologie-Professor an der Western Sydney University, erklärte dem Sender ABC News, dass diese Shows "ein Gefühl von Nostalgie wecken und für viele Menschen auch die Vorstellung vermitteln, auf die eigene Schulzeit zurückzublicken, sowie das Gefühl, dass die Dinge damals viel weniger kompliziert waren als heute". Auch wenn das vielleicht gar nicht der Realität entspricht. Denn natürlich sehen wir die Dinge etwas verklärt und vergessen gerne, dass die Probleme, die wir jetzt so gerne hätten, damals auch kein Spaziergang waren.

Die Serie "Every Year After" basiert auf Carley Fortunes Roman "Every Summer After" und erzählt, wie Percy Fraser nach Barry‘s Bay zurückkehrt, den Ort, an dem sie die Sommer ihrer Jugend verbracht hat und an dem sie die Liebe ihres Lebens gefunden und verloren hat. Jetzt auf Amazon Prime. © Cate Cameron/Prime

Ähnlich erklärt die Psychotherapeutin Ellie Rose das Phänomen in der australischen Ausgabe von "Harper‘s Bazaar": "Ich glaube, unser Leben ist so kompliziert, schwierig und stressig, dass es ein echter Trost ist, sich so etwas hinzugeben – worüber man nicht wirklich viel nachdenken muss." Wir können uns bei diesen Teenie-Dramen darauf verlassen, dass am Ende die beiden Richtigen zusammenfinden und alles gut wird. Jedes Unglück führt zu etwas Gutem, jede Ungerechtigkeit wird bereinigt. Anders, als wir es in unseren Leben kennen.

Geteilte Sorgen

Rose sieht aber noch einen anderen Grund dafür, dass wir uns mit all den Coming-of-Age-Dramen identifizieren können. "Es ist nicht so, dass Teenager hier unten sind und wir hier oben … wir haben letztlich alle immer noch mit denselben Problemen zu tun", führt sie aus, "In der Jugend ist alles so extrem. Wenn man Streit mit Freunden hat, dreht sich das ganze Leben nur darum – es ist intensiv und furchtbar. Ich glaube, bei Erwachsenen ist es so, dass wir durch andere Dinge abgelenkt werden und das Leben weitergehen muss. Aber im Grunde beschäftigen uns immer noch dieselben Freundschaftskonflikte – nur auf eine andere Art."

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