Als Direktorin des Wiener Staatsballetts sorgt Alessandra Ferri für den tänzerischen Auftakt des Balls: eine festliche Hommage an den Walzer und ihren verstorbenen Freund Giorgio Armani.
Ein Hauch von Broadway auf dem Parkett des Wiener Opernballs – das gab es noch nie und wird wohl für Furore sorgen. Zum berühmten Carousel Waltz aus dem gleichnamigen Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II wird das Wiener Staatsballett unter der choreografischen Leitung von US-Regisseurin Jessica Lang mit Magie, Eleganz und Schönheit verzaubern. Für all das verantwortlich zeichnet in diesem Jahr die neue Direktorin des Wiener Staatsballetts.
Die Direktorin des Wiener Staatsballetts, Alessandra Ferri, setzt an der Staatsoper und der Volksoper Wien neue künstlerische Maßstäbe.
Alessandra Ferri brachte Armani dazu, die Kostüme zu kreieren
Mit der Primaballerina assoluta Alessandra Ferri steht dem Staatsballett seit vier Monaten die weltweit Beste ihres Fachs vor. Die 62-jährige Italienerin hat nicht nur an sämtlichen internationalen Häusern begeistert, sondern ist auch in der Kunstszene vernetzt wie sonst kaum jemand. Der Mutter zweier Töchter ist es auch zu verdanken, dass das Ballett heuer in traumhaften Kostümen von Armani performt. Kurz vor dem Ableben von Giorgio Armani (†91) im September letzten Jahres hatte er mit Alessandra Ferri die Kreationen für den Ball der Bälle geplant. Das Gespräch über die tänzerische Hommage an ihren engen Freund und ihre künstlerische Leistung in Wien:
Persönlichkeit zählt neben ihrem außergewöhnlichen Können zu Alessandra Ferris Erfolgsgeheimnissen.
"Ich wusste sehr genau, was ich tun wollte."
Seit vier Monaten sind Sie nun Direktorin des Wiener Staatsballetts. Wie lautet Ihr erstes Resümee?
Alessandra Ferri: Die letzten vier Monate waren sehr schön, denn ich bin aus einem klaren Grund nach Wien gekommen: wegen des Wiener Staatsballetts und der Tänzerinnen und Tänzer. Ich wusste sehr genau, was ich tun wollte und was ich gemeinsam mit ihnen erreichen wollte – sowohl in Bezug auf ihre Arbeitsweise als auch auf ihre technische Entwicklung. Direktorin zu sein bedeutet nicht nur, Spielpläne zu erstellen oder schöne Stücke zu zeigen. Es bedeutet auch, Tänzer zu formen und ihnen zu helfen, einen technischen Standard zu erreichen, der ihnen Freiheit als Interpreten ermöglicht. Diese technische Basis ist essenziell – wie bei einem Orchester, das einen bestimmten Klang erzeugen muss. Ich wusste, dass hier viel Arbeit nötig war, hätte mir aber nie vorstellen können, wie unglaublich offen und engagiert die Tänzer reagieren würden. In so kurzer Zeit haben sie Erstaunliches erreicht. Das macht mich sehr glücklich.
Das klingt, als wären Sie sehr zufrieden...
Ferri: Ich hatte gedacht, es würde länger dauern. Aber sie waren so hungrig danach, dass es fast sofort passierte. Sie sind extrem aufmerksam, zu hundert Prozent involviert und wollten diese Entwicklung wirklich. Das hat eine wunderbare Atmosphäre geschaffen. Jeden Tag mit ihnen zu arbeiten, ist für mich ein großes Vergnügen.
Wie erleben Sie das Wiener Publikum – ist dieses genauso offen wie die Tänzer:innen?
Ferri: Jedes Publikum auf der Welt ist anders, jedes hat seine eigene Persönlichkeit. Kein Land, kein Theater gleicht dem anderen. Daran bin ich gewöhnt, da ich weltweit getanzt habe. Das Publikum hier ist sehr kultiviert – in Musik, Kultur und Tanz. Viele haben mir gesagt, Wien sei vor allem eine Opern-, keine Ballettstadt, doch das habe ich so nicht erlebt. Das Publikum ist sehr offen, enthusiastisch und liebt das Ballett. Das war eine wunderbare Überraschung. Ich glaube, Menschen reagieren auf Schönheit und Qualität, auch wenn ihnen das nicht immer bewusst ist. Es spricht sie unmittelbar an. Ich gehe meinen Weg, und wir werden sehen – aber bisher war das Publikum bei jeder Aufführung außergewöhnlich.
Und wie gefällt Ihnen Wien als Ort zu leben – fühlen Sie sich hier schon zu Hause?
Ferri: Wien ist eine wunderschöne Stadt, ohne Zweifel eine der schönsten der Welt. Es ist angenehm, hier zu leben – eine sehr zivilisierte Stadt, voller Schönheit und Kultur. Ob ich die Stadt schon als Zuhause bezeichnen würde? Nein. Dafür braucht es Zeit. Ich bin erst seit wenigen Monaten hier und war bisher überwiegend im Theater. Meine Familie, meine Kinder und meine Freunde leben in New York, London und Mailand – in Städten, mit denen mich viele Jahre Geschichte verbinden. Hier ist alles neu. Ich bin glücklich hier, aber noch ist es kein Zuhause. Das Theater allerdings ist mein Zuhause.
Die Eröffnung des Wiener Opernballs wird auch heuer mit Spannung erwartet.
"Der Opernball übertrifft alles, was ich mir vorgestellt habe".
Der Jänner ist für Sie bestimmt sehr intensiv, auch wegen des Wiener Opernballs. Wie stehen Sie zu diesem Ereignis?
Ferri: Ich habe den Opernball 2024 zum ersten Mal erlebt. Man kennt ihn, man hat Bilder gesehen, aber vor Ort ist es etwas völlig anderes. Es ist kein Ereignis, das man nur beobachtet – man ist mittendrin. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie groß es ist. Das gesamte Haus wird zu einer einzigen Feier. Das übertrifft alles, was ich mir vorgestellt hatte. Es ist aufregend, unterhaltsam und vor allem ein gesellschaftliches Ereignis, nicht nur eine Aufführung.
Die Eröffnung wird vom Wiener Staatsballett auch zu einem kulturellen Ereignis gemacht. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit für den Ball von anderen Aufführungen?
Ferri: Der Raum ist ein anderer. Es gibt keine klassische Bühne, sondern einen riesigen Ballsaal mit Publikum rundherum. Wir befinden uns auf keiner Bühne, sondern inmitten des Publikumsraumes. Ich choreografiere ja nicht selbst, sondern die wunderbare Choreografin Jessica Lang. Aber meine Vorstellung war sehr klar: Es muss glamourös, elegant, leicht, fröhlich und feierlich sein – eine Feier des Lebens, der Musik und der Gesellschaft. Musik, Choreografie und Kostüme mussten eine Einheit bilden.
Modekünstler Giorgio Armani zählte zu Ferris engen Freunden.
Die Musik, The Carousel Waltz, ist heuer auch sehr außergewöhnlich...
Ferri: Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich beitragen kann, da in all den Jahren bereits so viel gemacht wurde. Ich wollte den Menschen Freude und Freiheit schenken – gerade in einer Zeit, in der es davon so wenig gibt. Der Wiener Walzer hat die Welt beeinflusst, weit über Wien hinaus. Er ist ein Beispiel dafür, wie Traditionen andere Kulturen berühren können. In diesem Sinne ist es eine Hommage an den Wiener Walzer – aus der Perspektive jener, die nicht hier geboren sind.
Wie lange muss so eine Opernball-Eröffnung von Ihrer Seite geplant werden?
Ferri: Wir haben schon vor etwa eineinhalb Jahren begonnen. Solche Projekte müssen sehr früh geplant werden. Als klar war, dass der Opernball Teil meiner Aufgabe sein würde, begann die konkrete Planung.
Dass die traumhaften Kostüme von Giorgio Armani stammen, ist Ihnen zu verdanken...
Ferri: Mir ging es nicht um eine Marke, sondern um den Menschen dahinter. Ich wollte Eleganz und Glamour mit Bedeutung. Ich kannte Herrn Armani persönlich sehr gut – er war weit mehr als ein Designer, er war ein Künstler, der sich auch für die Oper begeisterte. Er hat die Mode verändert und Eleganz neu definiert – zeitlos, jenseits von Trends. Als ich ihn fragte, ob er die Kostüme für den Wiener Opernball machen würde, sagte er sofort zu. Kurz nach unserer ersten Anprobe verstarb er leider. Das hat mich tief getroffen. Umso mehr wird die Eröffnung durch das Staatsballett eine besondere Hommage an Giorgio Armani.
Armanis Kreationen für die Eröffnung des Wiener Opernballs. Kurz nach der ersten Anprobe verstarb der Designer.
Sie selbst haben eine unfassbare Karriere hingelegt. Sie sind Primaballerina assoluta, feierten mit 51 ein fulminantes Comeback – und nun sind Sie hier Direktorin. Wie lautet Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ferri: Wissen Sie, ich benutze das Wort Karriere nicht. Tanzen ist mein Leben. Ich wurde als Tänzerin geboren. Mit vier wusste ich, dass ich tanzen würde. Ich habe es nicht geplant, aber ich war immer zu zweihundert Prozent engagiert. Ich war gesegnet mit Talent, aber Talent allein reicht nicht. Man braucht Disziplin, Verstand und Demut. Das Leben als Tänzerin ist sehr hart, dafür aber einzigartig. Man muss seinem Talent dienen, nicht aber sein Ego bedienen.