Interview

Mariella Gittler: Frauen in der Geschichte

Ab 1. Mai erzählt Mariella Gittler in „Österreich – Die ganze Geschichte“, was die Republiksgründung für die Frauen in unserem Land verändert hat. Im Interview spricht sie über Frauenrechte damals und heute. 

Es ist ein Jahr der Jubiläen: Wir feiern heuer 80 Jahre Republik Österreich, 80 Jahre Kriegsende und 70 Jahre Staatsvertrag. Für den ORF ist das ein guter Anlass, mit der vierten Staffel der Dokuserie „Österreich – Die ganze Geschichte“ (ab 1. Mai, 20.15 Uhr auf ORF III) den bewegten Zeitraum 1918 bis 1955 zu beleuchten. Mariella Gittler (37) führt wieder mit Andreas Pfeifer durch die Historienreihe und beschäftigt sich eingehend mit den großen Fortschritten, die diese Jahre uns Frauen gebracht haben. In MADONNA spricht die Journalistin und Moderatorin über die Rolle der Frau damals und heute.

Die neue Staffel „Österreich – Die ganze Geschichte“ erzählt die Jahre 1919 bis 1955. Aus Frauensicht hat sich viel getan.
Mariella Gittler:
Für Frauen hat sich in dieser Phase wahnsinnig viel getan. Sie dürfen zum ersten Mal ihre Meinung zu politischen Vorgängen abgeben und erleben in der Zwischenkriegszeit einen großen Schritt in Richtung einer selbstbestimmten Zukunft. Dann aber, indem die Nationalsozialisten an die Macht kommen, den totalen Rückschritt. Das sind bewegte Jahre, in denen es für Frauen ein unglaubliches Hin und Her der Gefühle gewesen sein muss. Es war wirtschaftlich eine sehr schwierige Zeit. Man kommt aus dem Ersten Weltkrieg, schlittert in einen Zweiten Weltkrieg. Vielen Menschen ging es finanziell nicht gut. Man hatte wahrscheinlich nicht groß Zeit, um sich über das alles Gedanken zu machen. Auch nicht, um diese neuen Rechte wahrzunehmen.

Die Männer waren im Krieg, viele kamen nicht zurück. Wie hat das die Rolle der Frauen verändert?
Gittler:
Vor dem Krieg haben die Männer die Geschäfte geführt. Dann waren sie im Krieg, viele sind nicht zurückgekommen. Die meisten, die zurückgekommen sind, waren traumatisiert. In dieser Zeit haben Frauen das Ruder in die Hand genommen. Sie mussten Städte wieder aufbauen, sich um die Kinder kümmern und schauen, dass sie zu Geld kommen. Es lag viel Verantwortung bei der Frau. In dieser Zwischenkriegszeit haben sie das Wahlrecht bekommen. 1919 sind acht Frauen in den Nationalrat eingezogen. Sie waren trotzdem rechtlich noch Untertaninnen ihrer Ehemänner. Gleichzeitig schwappen diese Goldenen Zwanzigerjahre nach Österreich über, in denen es Theateraufführungen, Tänze, Varietés gibt. Plötzlich rückt die Sexualität der Frau in den Mittelpunkt des Interesses. Es passiert sehr viel, aber immer unter dem großen dunklen Schirm dieser depressiven Zeit.

Mariella Gittler moderiert
© ORF/Pammer Film

Sie haben schon erwähnt, dass es dann wieder Rückschritte gab. Das klingt nach sehr widersprüchlichen Zeiten.
Gittler:
Dass Frauen das Wahlrecht haben, heißt nicht, dass die Strukturen, die man noch aus der Monarchie kennt, das Patriarchat, sich auflösen und von heute auf morgen alles anders ist. Das war immer noch ein ständiger Kampf, ein ständiges Ringen um die Rechte der Frauen. Ich glaube, es war keine einfache Zeit, in der, nur weil es offiziell heißt, sie dürfen wählen, alles gut ist und sie tun und lassen dürfen, was sie wollen.

Wie war das für die ersten Frauen im Nationalrat? Das hat sicher nicht nur Begeisterung ausgelöst.
Gittler:
Das ist eine Tatsache. Da saßen lauter Männer, die die Frauen nicht ernst genommen haben. Ich kann mir vorstellen, dass jene, die sich das angetan haben, unglaublich standhafte und starke Charaktere waren.

Gibt es Frauen, die Sie ganz besonders beeindrucken?
Gittler:
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin zum Beispiel ein riesengroßer Fan der Musikerin Patti Smith. Ich kann jedem nur ans Herz legen, ihre Autobiografie „Just Kids“ zu lesen. Sie ist eine starke Frau, die sich in einer Zeit als Künstlerin hervorgetan hat, in der New York noch der wilde Westen war und wo sie mehr oder weniger ohne Dach über dem Kopf im Central Park gelebt und sich ihre Karriere aufgebaut hat. Ich finde auch Kamala Harris bewundernswert. Was die sich in diesem Wahlkampf angetan hat! Sie ist ein großes Vorbild im Durchhalten, auch wenn sie es leider nicht geschafft hat, gegen Donald Trump zu gewinnen.

Wir haben von den Rückschritten im Nationalsozialismus gesprochen. Auch heute beobachten wir Bewegungen, die zu einem alten Frauenbild zurückkehren, etwa die Tradwives. Macht Ihnen das Sorgen?
Gittler:
Große Sorgen. Auf der einen Seite denke ich mir, ist das ein seltsamer TikTok-Hype, mit dem Frauen versuchen, Geld zu machen und das vielleicht nicht ernst meinen. Auf der anderen Seite: Wenn sie es ernst meinen, und dieses Bild vermitteln sie zumindest, tue ich mir persönlich schwer. Ich glaube, dieses sich Zurückbesinnen auf alte Traditionen und darauf, ins Patriarchat eingebettet zu sein, ist der Zeit geschuldet. Wir leben in einer Zeit, in der alles unsicher ist. Alles wird in Frage gestellt. Wenn man Nachrichten schaut, hört oder liest, ist alles nur mehr von Wahnsinn geprägt. Ich kann nachvollziehen, dass man sich nach Sicherheit sehnt. Aber ich hoffe stark, dass es nicht dazu führt, dass Frauen sich wieder in diese große Abhängigkeit von Männern begeben.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Gittler: Ich habe Zuversicht und Vertrauen in uns Frauen, dass die große, breite Masse sich diese Rechte und auch diese Verantwortung, die sie in den letzten Jahrzehnten übernommen hat, nicht mehr nehmen lässt. Ich glaube, der Zug ist abgefahren, da können Politiker und die Trumps dieser Welt tun, was sie wollen. Dafür sind wir zu viele und zu laut und zu stark.

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