Vom Linzer Social Media-Girl zum internationalen Gesicht des Top- Labels „Guess“. Die Oberösterreicherin Nadine Mirada hat sich ihren Traum von einer Supermodel-Karriere selbst erfüllt. Das Interview.
"Ich kann es manchmal selbst kaum glauben“, sagt sie – in oberösterreichischem Akzent, den sie ebenso wenig abgelegt hat, wie ihre herzliche, bodenständige Art. Dabei könnte Nadine Mirada zwischen rund 100 (!) Fotoshootings pro Jahr, ihren Daueraufträgen für Topmarken wie „Guess“, „Oribe“ und „mandana“, Business-Class-Flügen, Luxus-Suiten und ihrem neuen Wohnsitz Dubai durchaus Supermodel-Allüren an den tag legen. Tut sie aber nicht. Die 36-Jährige genießt lieber ihren Erfolg, der mit einem Gewinnspiel-Ticket nach L.A. begann, und spricht im MADONNA-Talk offen über Kurven, Karriere und das Leben, das sie sich seit ihrer Kindheit erträumte.
Supermodel Nadine Mirada im großen MADONNA-Shooting.
100 Fotoshootings pro Jahr!
Nadine, unser MADONNA-Fotoshooting ist eines von rund 100 Shootings, die Sie in diesem Jahr absolviert haben. Unfassbar. Wenn Sie heute auf Ihre Anfänge zurückblicken: Hätten Sie sich damals vorstellen können, was heute bei Ihnen beruflich abgeht? Ist das der Traum, den Sie damals hatten?
Nadine Mirada: Eine totale Überraschung wäre es nicht gewesen, weil ich sehr gezielt darauf hingearbeitet habe. Aber dass es diese Größe und diese Dimension annimmt, hätte ich mir wahrscheinlich kaum zu träumen gewagt. Obwohl ich von Anfang an sehr groß gedacht habe – mit Amerika und internationalen Kunden. Ich hatte mir schon früh große Marken als Ziel gesetzt. Dass sich das aber über die Jahre hinweg so entwickelt und ich dieses Jahr sogar als erfolgreichstes europäisches Model in meinem Bereich ausgezeichnet wurde, ist etwas, das ich mir immer wieder bewusst machen muss. Auch Momente wie die Filmfestspiele in Cannes oder die großen internationalen Kampagnen wie für Guess – da muss ich mich manchmal selbst erden und mir sagen: Ja, das bin wirklich ich! (lacht)
Wann hat dieser Traum begonnen?
Mirada: Sehr früh. Ich wollte das schon als Kind. Mir war aber wichtig, dass das Timing stimmt. Ich wollte zuerst die Schule abschließen. Später habe ich Online-Marketing studiert und gemerkt: Jetzt oder nie! Ich war bereits im Social-Media-Bereich tätig und habe nebenbei gemodelt. Dann bin ich all-in gegangen und nach Los Angeles gezogen. Model sein wollte ich wirklich, seit ich denken kann. Mein erstes Shooting hatte ich mit drei Jahren – mit voller Unterstützung meiner Mama.
Das ist ja auch nicht selbstverständlich...
Mirada: Überhaupt nicht. Meine Mama war von Tag eins an mein größter Supporter. Sie hat immer gesagt: „Wer, wenn nicht du?“ Rückblickend war das unglaublich wichtig. Ich kenne nur Unterstützung von meiner Familie und einem sehr kleinen Inner Circle aus engen Freunden. Ihre ehrliche Meinung zählt für mich am meisten. Das sind keine Schulterklopfer, sondern Wegbegleiter.
Die Linzerin wurde von Guess-Mastermind Paul Marciano entdeckt.
"Ich habe mich immer von dem Curvy Model-Stempel distanziert."
Am Anfang Ihrer Karriere waren sogenannte Curvy Models noch kaum ein Thema in Europa. Hatten Sie mit Kritik zu kämpfen?
Mirada: Natürlich. Gerade im Modelbusiness gibt es immer Kritik – egal, ob man gerade anfängt oder ganz oben ist. Ich bin aber ein sehr positiver Mensch. Kritik nehme ich an, denke aber nie in Problemen, sondern in Lösungen. Das hat mir immer geholfen. Und je erfolgreicher man wird, desto mehr Fehler werden gesucht. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wessen Meinung wirklich zählt.
Los Angeles war ein Wendepunkt für Sie. Warum war dieser Schritt für Ihre Karriere so enorm wichtig?
Mirada: Absolut, Los Angeles hat mein Leben verändert. Ich bin alleine nach L.A. gegangen – von Linz, vom Bindermichl, direkt nach Hollywood. Das war eine andere Welt. Damals war das Thema Diversity in Österreich noch kaum präsent. In L.A. habe ich gesehen, wohin sich der Markt entwickelt, und diesen Gedanken bewusst nach Österreich mitgenommen. Dafür wurde ich anfangs stark kritisiert, besonders wegen der Einordnung als „Curvy Model“. Ich habe mich davon immer distanziert, weil ich eine ganz normale Frau mit Größe 38 bin. Dieses Schubladendenken kommt von der Branche, nicht von mir.
Das Topmodel im Spitzenkleid von Nissa mit Schmuck von mandana.
"Wenn ich zu lange an einem Ort bin, werde ich nervös."
Heute betiteln Sie sich selbst auch gar nicht mehr so...
Mirada: Genau. Ich weiß heute, dass ich ein internationales Topmodel bin – auch wenn es mir manchmal noch schwer über die Lippen geht. (lacht) Ich bin einfach Nadine und habe mein Hobby zum Beruf gemacht. In diese Rolle muss man hineinwachsen.
Haben Sie manchmal auch Star-Allüren, würden Sie sagen?
Mirada: Nein, ich bin ein sehr höflicher Mensch. Aber es gibt Dinge, die einfach meinen Alltag erleichtern – etwa fixe Abläufe beim Styling oder Business Class-Flüge. Wenn man fast 300 Nächte im Jahr im Hotel verbringt oder mehrmals pro Woche fliegt, ist das keine Allüre, sondern eine Notwendigkeit, dass man in einem schönen Zimmer wohnt und im Flieger schlafen kann. Früher hätte ich das vielleicht anders gesehen, aber heute gehört das zu meinem Business. Das hat aber nichts mit Star-Allüren zu tun, würde ich sagen.
Im The Ritz-Carlton Vienna posierte Nadine Mirada für MADONNA.
Sie sind oft in drei, vier verschiedenen Städten innerhalb von nur einer Woche. Macht Ihnen das wirklich noch Spaß?
Mirada: Total! Wenn ich zu lange an einem Ort bin, werde ich nervös. Ich komme gerne nach Österreich zurück, aber ich brauche die Bewegung. Ich habe überall meine Kontakte, treffe auch im Ausland viele Leute und bin nicht allein. Mittlerweile ist Dubai auch mein Wohnsitz, weil es logistisch eine perfekte Drehscheibe ist. Und dort immer die Sonne scheint. (lacht)
Nadines großes Ziel 2026: der Victoria's Secret-Laufsteg.
Über Nacht zum Guess-Testimonial
Ihr Durchbruch kam in Amerika – war es nicht unglaublich schwer, sich dort, wo alle auf eine Karriere hoffen, durchzusetzen?
Mirada: Der Weg dorthin war schwerer als das Ankommen selbst. Ich hatte sehr lange keine Agentur, weil ich nicht ins klassische Raster gepasst habe. Stattdessen habe ich Social Media genutzt und mir selbst eine Marke aufgebaut. Ich habe in meine eigenen Shootings investiert, Guess-Kleidung gekauft und mich online sichtbar gemacht. Und das hat eines Tages tatsächlich Paul Marciano, der Gründer von Guess, gesehen und mir geschrieben: „Wenn du jemals in Los Angeles bist, komm vorbei!“
Ich hatte damals 1.000 Euro am Konto, also an die Reise war nicht zu denken. (lacht) Aber dann habe ich bei einem Gewinnspiel mitgemacht, bei dem eine Influencerin ein Ticket für die Oscars gewinnen konnte. Und so bin ich wirklich zu den Oscars geflogen, wo ich ein Selfie mit Adriana Lima machen konnte. Das habe ich dann Paul geschickt – und er hat mich zu einem Testshooting eingeladen.
Klingt wie in einem Film...
Mirada: Ja, wirklich! Aus einem Testfoto wurde über Nacht meine erste weltweite Guess-Kampagne. Seit acht Jahren arbeite ich nun mit Guess, bin ihr am längsten gebuchtes Model und durfte mittlerweile zahlreiche weltweite Kampagnen shooten.
Trotzdem sind Sie nach Europa zurückgekommen. Wieso?
Mirada: Ja, weil ich den europäischen Markt erobern wollte und näher bei Familie und Freunden sein wollte. Heute arbeite ich mit mehreren Agenturen, laufe internationale Shows – sogar Couture in Paris. Auch Victoria’s Secret kam dazu. Irgendwann wird einem dann bewusst, was man erreicht hat.
"Reich ist für mich, gut von dem leben zu können, was mir Spaß macht", so Mirada.
"Ich war nie ein Plan-B-Mensch."
Ist Ihnen Anerkennung wichtig?
Mirada: Ja. Es wäre gelogen, wenn ich Nein sagen würde. Wer vor der Kamera steht, lebt auch von Anerkennung. Gleichzeitig ist mir wichtig, ein gutes Vorbild zu sein. Man wird ständig kritisiert – deshalb muss man lernen, sich selbst schön zu finden.
Was sind Ihre nächsten Ziele?
Mirada: Mein langfristiges Ziel ist, so lange wie möglich in diesem Geschäft zu bleiben. Dass Marken mich auch mit 50 noch buchen, weil ich ich selbst geblieben bin. Kurzfristig hoffe ich, nächstes Jahr für Victoria’s Secret zu laufen.
Und privat?
Mirada: Privatfokus kommt irgendwann auch. Beziehung ist denkbar, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet. Familie und vielleicht ein Kind – aber wenn, dann ganz oder gar nicht.
Gibt es für Sie Grenzen bei Jobs?
Mirada: Sehr viele. Ich sage zu mehr Jobs nein als ja. Es muss zu mir passen. Keine Zigarettenwerbung, keine Billigketten. Sexy ist für mich okay, solange es künstlerisch bleibt. Playboy wäre nichts für mich, ein ästhetischer Pirelli-Kalender hingegen schon.
Haben Sie einen Plan B?
Mirada: Nein. Ich war nie ein Plan-B-Mensch. Ich ziehe alles durch.
Von einer Topmodel-Karriere träumte Nadine Mirada seit ihrer Kindheit.
Wird man reich als Model?
Mirada: Reich ist für mich, gut von dem leben zu können, was mir Spaß macht. Ich habe immer Mode geliebt, vor allem Designer-Mode. Das war mir immer wichtig. Trotzdem war Geld selbst nie mein Hauptantrieb.
Ihr Leben wirkt perfekt organisiert.Mirada: Alles, was ich mache, ist Arbeit – und ich liebe es! Für mich wäre ein klassischer 9-to-5-Job viel schlimmer. Ich lebe genau das Leben, das zu mir passt.