Am 11. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Im Vorfeld sorgen aber hohe Preise und US-Präsident Donald Trumps Politik für Unruhe unter den Fans.
Vor nicht allzu langer Zeit hätten Fans noch positiv auf die WM in Nordamerika geschaut, vor allem nach den umstrittenen Weltmeisterschaften in Russland 2018 und Katar 2022, meint Martin Endemann von Football Supporters Europe. "Diese Aufbruchsstimmung hat sich aber ins Gegenteil verkehrt."
Der Fanzuspruch sei geringer als erwartet, so sei Schottland das einzige europäische Land, das alle Kategorien der zugestandenen Tickets ausverkaufte, erzählt Endemann bei einem von der fairplay-Initiative am Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) organisierten Briefing. Ein Blick auf die Preisgestaltung der FIFA lässt vermuten, warum. So sind für die Spiele Österreichs gegen Jordanien und Algerien rund einen Monat vor Turnierbeginn nur noch Tickets um mindestens 380 US-Dollar (323,74 Euro) erhältlich. Gegen Weltmeister Argentinien gibt es sogar nur noch Karten für mindestens 2.925 US-Dollar.
Im Gegensatz zu vorangegangen Turnieren sei vieles kurz vor Beginn noch komplett unklar, meint Endemann. So sei im Vorfeld ganz viel versprochen worden, etwa ein kostenloser Nahverkehr zu den Stadien oder günstige Tickets, doch nichts davon sei eingetreten. Während etwa in Katar oder Russland die Regierungen sehr bemüht gewesen seien, alles perfekt erscheinen zu lassen, wohl auch aus Imagegründen, kümmere sich die US-Regierung nicht wirklich um die WM, konstatiert Endemann.
Kaum Informationen für Fans
Auch bei der FIFA gibt es offenbar niemanden, der für Fans zuständig sei, daher gebe es auch kaum Informationen für Fans, so Endemann. Hanna Stepanik von der fairplay-Initiative berichtet, dass sich der ÖFB über mangelnde Informationen der FIFA beklagt habe. So gebe es keine Informationen des Weltfußballverbands über Unterbringungsmöglichkeiten für Fans oder Informationen zum Verkehr in den Gastgeberstädten.
Jennifer Li von der Dignity 2026 Coalition Georgetown Law, einem Netzwerk von Arbeits- und Menschenrechtsorganisationen mit dem Ziel, vulnerable Gruppen vor den negativen Auswirkungen der WM zu schützen, sieht eine Menge Herausforderungen in den USA. So werde die Verantwortung für die Übernahme der Transportkosten "wie eine heiße Kartoffel weitergereicht", so Li. In New Jersey kostet ein Ticket für die An- und Abreise von Manhattan zum Stadion nun 105 US-Dollar statt normalerweise 20 US-Dollar. Ein Parkplatz vor dem Stadion kommt auf stolze 225 US-Dollar für die Dauer des Spiels.
Migrationsthema überschattet WM
"Ein Schatten, der über der WM liegen wird, ist das Migrationsthema", zeigte sich Li überzeugt. Das WM-Turnier werde sehr stark von der Arbeitsleistung kurzfristig beschäftigter Arbeiter abhängen, die in den USA hauptsächlich Migranten seien, erzählt Li. Daher müsse die FIFA endlich beantworten, ob die umstrittene US-Einwanderungsbehörde ICE in und um die Stadien anwesend sein werde.
Minky Worden, von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, warnte in einem Interview mit dem deutschen TV-Sender NTV jüngst sogar vor "einer potenziellen Menschenrechtskatastrophe". "ICE, eine Art paramilitärische Polizei, betreibt eine brutale, menschenverachtende Politik, selbst bei Menschen, die das Recht haben, in den Vereinigten Staaten zu bleiben", so Worden.
Zuletzt hatte Rodney Barreto als stellvertretender Organisationschef von Miami betont, die Zusage von US-Außenminister Marco Rubio erhalten zu haben, dass bei Spielen der Fußball-WM keine ICE-Beamten im Stadion sein werden. Trumps Kulturkrieg werde aber auch bei der WM fortgesetzt werden, warnt Worden. So sollten etwa die Ausrichterstädte "eigentlich den Schutz von Minderheiten und schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen, einschließlich LGBT-Personen, gewährleisten. Aber von den vier veröffentlichten Aktionsplänen erwähnt in den USA nur der von Atlanta LGBT-Rechte", so die Aktivistin.
Vertreibung von Obdachlosen und Mietern aus Stadtzentren befürchtet
Von den Olympischen Spielen in Atlanta (1996) oder Salt Lake City (2002) wisse man zudem, dass solche Großevents immer zu einer Vertreibung von Obdachlosen aus den Stadtzentren führe, sagt Li. Damals habe es allerdings auch noch kein Airbnb gegeben, nun sei aufgrund der Erfahrungen bei anderen Events aber auch eine Vertreibung von Mietern zu befürchten, so Li.
Auf den Aktionsplan der Gastgeberstädte zu Menschenrechten warte man immer noch, eine Deadline der FIFA sei schon verstrichen, betont Li. Unverständlich sei auch, dass die großen US-Fußballligen nicht stärker in die Organisation der WM eingebunden worden seien, obwohl dort die einzigen Personen seien, die Fußball in den USA wirklich verstünden. Auch Bailey Brown vom Independent Supporters Council North America sagt, dass die WM in den Gastgeberstädten bisher kaum präsent sei. So gebe es Diskussionen, ob die Gastgeberstädte überhaupt finanziell von der WM profitieren könnten, während gleichzeitig die Preise stiegen.
Die Dezentralisation sei Wirklichkeit, alles werde an die Gastgeberstädte ausgelagert, so Brown. Jede Stadt gehe aber anders mit der WM um. Daher versuche man, europäischen Fangruppen vor Ort zu helfen und etwas aufzustellen, sowie die einzelnen Initiativen digital zu vernetzen. Dennoch sagt Brown: "Es gibt in Nordamerika eine große WM-Müdigkeit schon ein Monat vor Beginn der WM."