Meyer:

Der Herr der Oper

© TZ Österreich (Kernmayer)

Meyer: "Ich brauche keine Lobby"

Seit 1. September ist der Ex-Direktor des Pariser Théâtre des Champs Élysées und frühere Berater des französischen Kulturministers Jacques Lang Herr der Wiener Staatsoper.
Im Interview sagt er, weshalb er künftig auch Barockopern (Händels Alcina; 14. 11.) spielen wird und weshalb sein Vorgänger Ioan Holender ihn am Vorabend seiner Bestellung anrief ...


ÖSTERREICH: Wie haben Sie sich auf Wien und die Wiener vorbereitet?
Dominique Meyer: Nicht speziell. Ich übe diesen Beruf seit mehr als zwanzig Jahren aus. Ich bin oft nach Wien gekommen, kenne die Geschichte und Tradition dieser Stadt, und seit meiner Bestellung war ich jede Woche hier. Das muss als Vorbereitung genügen.

ÖSTERREICH: Haben Sie hier schon einen Freundeskreis oder eine Lobby?
Meyer: Ich bin kein Mensch, der über "Lobbys" funktioniert. Sicher, ich habe einen Freundeskreis, aber der ist international: Der "Wiener" Ildebrando D’Arcangelo (Anm.: italienischer Bassbariton) ist derselbe wie der "Pariser" D’Arcangelo. Außerdem kenne ich durch unsere intensive Zusammenarbeit in Paris etliche Philharmoniker und ihre Familien.

ÖSTERREICH: Macht es Ihnen kein bisschen Angst, dass Sie es hier als Chef mit "Mythen" – der Wiener Staatsoper, den Wiener Philharmonikern – zu tun haben?
Meyer: Das ist hier eine offenbar sehr zentrale Frage, die mir oft gestellt wird. Dazu kann ich nur sagen: Ich habe enormen Respekt vor der Wiener Staatsoper und den Wiener Philharmonikern. Aber ich habe keine Furcht. Vielleicht wollen mich viele Leute vor Angst den Vorhang hinauf klettern sehen. Aber so bin ich nicht gestrickt.

ÖSTERREICH: Die Wiener haben nicht nur Mythen, sondern auch Publikumslieblinge …
Meyer: Dieses Phänomen kenne ich auch aus Paris. Aber ich weiß schon: In Wien werden – beim "Bühnentürl" – die Publikumslieblinge noch häufiger, von noch mehr Fans, noch herzlicher empfangen als anderswo … Was mich frappiert: Wien ist, verglichen mit anderen mittelgroßen Städten wie Lyon oder Marseille, von einer kulturellen Dichte wie keine andere Stadt. So kann man etwa im Musikverein sechs- oder siebenmal vor vollem Haus dasselbe Programm spielen, während es in Paris manchmal schwierig ist, etwas zu wiederholen.

ÖSTERREICH: Ist Ihnen ein volles Haus so wichtig wie Ihrem Vorgänger Ioan Holender?
Meyer: Jeder vernünftige Direktor wünscht sich, dass das Haus voll ist.

ÖSTERREICH: An der Wiener Staatsoper wurden nie Barockopern gespielt. Sie wollen das ändern. Warum?
Meyer: Weil das eine internationale Entwicklung ist: In Städten wie Paris oder London wächst das Publikum für Barockmusik ganz außerordentlich. Neue Menschen interessieren sich für die Oper! Ich habe einmal im Spaß gesagt: Es ist seltsam, dass in einem Repertoiretheater wie der Wiener Staatsoper das älteste Stück, das gespielt wird, Figaros Hochzeit ist. Obwohl zwei Drittel der Opernliteratur davor geschrieben wurden.

ÖSTERREICH: Fühlen Sie sich für den Opernball verantwortlich?
Meyer: Ja, sicher. Das ist der Ball der Oper, der Republik, und ich nehme das sehr ernst. Wir werden diesen Ball natürlich in der Oper – und nicht andernorts – veranstalten. Eine schöne Tradition, die wir so seriös wie möglich bewahren sollten.

ÖSTERREICH: Kann Holender einen Schlussstrich unter seine Ära ziehen? Oder schaut er noch manchmal aus seinem neuen Büro herüber …?
Meyer: Da müssen Sie ihn fragen … Ich habe jedenfalls kein Problem mit Herrn Holender. Ich kenne ihn seit langer Zeit. Als ich mehrmals nach Wien kam, um mir einzelne Vorstellungen anzuschauen, ließ er mich immer vom Flughafen abholen. Und am Vorabend meiner Bestellung rief er mich an und sagte, das wäre toll! Er war mir gegenüber sehr korrekt … Ich weiß schon, es gibt Leute, die glauben, sie müssten Unfrieden zwischen uns stiften. Ich habe aber Respekt vor diesem längstdienenden Wiener Operndirektor, und ich werde kein negatives Wort über ihn verlieren.

Autor: Christoph Hirschmann (ÖSTERREICH)

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