"Getarnte Werbung?"

ÖFB-Arzt: Trinkpausen sind positiv

© GEPA pictures
Standardmäßige Trinkpausen haben mit der WM in Nordamerika im internationalen Fußball Einzug gehalten.
OE24 auf Google bevorzugen

Bei aller Kritik, wonach die auch in klimatisierten Stadien verfügten Unterbrechungen primär Werbezwecken dienen: ÖFB-Teamarzt Michael Fiedler kann ihnen auch Positives abgewinnen. "Alles, was eine Pause bewirkt, gibt Chancen", erklärte der Medizinier der APA. Neben dem Einsatz von Kühlwesten, Flüssigkeits- und Ernährungssubstitution böten sich auch taktische Möglichkeiten.

ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick wird am Dienstag (Mittwoch, 6.00 Uhr MESZ) im WM-Auftaktspiel gegen Jordanien in den Genuss kommen, seinen Akteuren zu Mitte jeder Halbzeit Anweisungen geben zu können. Ausgestattet ist er von der medizinischen Abteilung vor Spielbeginn auch mit detaillierten Informationen über den Belastungszustand seiner Schützlinge. "Wir sind mit unserer Laborabnahme in der Trainingssteuerung bestens aufgestellt", meinte Fiedler.

Der tägliche Fragebogen

Jedem Kicker wird täglich in der Früh Blut abgenommen, um den Kreatinkinase-Wert (CK-Wert) zu bestimmen, den wichtigsten Indikator für die Muskelermüdung. Im Zusammenspiel mit einem standardisierten Fragebogen, in den ÖFB-Kapitän David Alaba und seine Kollegen über ihre Mobilgeräte subjektiv Parameter wie Schlafqualität und Befindlichkeit eintragen (Fiedler: "Das füllen sie verlässlich jeden Tag aus"), werden bei erhöhtem Verletzungsrisiko Empfehlungen abgegeben - etwa für eine Spiel- oder Trainingspause.

Künstliche Intelligenz (KI) diene laut Fiedler in Einzelfällen bereits als Unterstützung. In Zukunft könnte sie eine noch fundiertere wissenschaftliche Basis für die Entscheidungsfindung liefern. "Es ist in der Entwicklung." Entscheidend sei, dass die Werte in Echtzeit zusammengefügt werden. "In Zukunft gibt es da sicher noch bessere Möglichkeiten. Die KI lernt mit jedem neuen Wert und jeder Empfehlung immens schnell."

Großes Team "auf Augenhöhe"

Die Ergebnisse müssen nämlich auch interpretiert werden. Ein erhöhter CK-Wert könne auch aus einem völlig harmlosen Schlag resultieren. "Einen Spieler nicht spielen zu lassen, nur weil CK ein bisschen erhöht ist, ist Nonsense", meinte Fiedler. Ständige Spielerverfügbarkeit für den Trainer sei das oberste Ziel, Rangnick agiere diesbezüglich aber mit Weitsicht. "Ihm ist klar, dass ein fitter und voll einsetzbarer Spieler für die Mannschaft am meisten Wert ist. Er vertraut auf unsere Entscheidungen."

Inklusive Sportwissenschafter und Reha-Trainer sind elf Personen für den körperlichen Zustand der ÖFB-Kicker mitverantwortlich. Jede Behandlung eines der sechs Physiotherapeuten oder Masseure werde am Abend an ihn übergeben und diskutiert, schilderte Fiedler. Entscheidungen würden im Team getroffen. "Wir sind auf Augenhöhe." Die Letztentscheidung liege als Arzt mit rechtlicher Verantwortung aber bei ihm. Unterstützt wird der 51-Jährige in Nordamerika von U21-Teamarzt Christoph Resinger. Dieser würde im Fall einer Verletzung oder eines Spitalsaufenthaltes am Spielort auch als Begleitung beim betroffenen Spieler bleiben.

Fentanyl im Notfallkoffer

Die Reiselogistik ist auch für die Mediziner eine Herausforderung. Für die Einfuhr des in der Notfallmedizin verwendeten, hochwirksamen Schmerzmittels Fentanyl in die USA etwa habe die FIFA eine Genehmigung erwirkt. In Kanada steht das häufig missbräuchlich verwendete Opioid auf der Roten Liste. "Bedingung ist, dass der Arzt das Medikament mit sich führt", erklärte Fiedler. "Es muss mit ihm im Flugzeug sein." Zwei Ampullen Fentanyl befinden sich in seinem Notfallkoffer, zwei weitere habe er als Ersatz dabei. Der Oberarzt vom UKH Steiermark in Graz hofft, dass er nicht davon Gebrauch machen muss.

Der frühere Regionalliga-Kicker ist seit 2012 beim ÖFB, nach der Tätigkeit für diverse Nachwuchsauswahlen holte ihn der damalige Teamchef Franco Foda 2019 zum A-Team. Spieler wie Konrad Laimer, Xaver Schlager oder Nicolas Seiwald kenne er, seit sie 14 Jahre alt sind. "Dass ich jetzt mit denen bei der WM bin, da stellt es mir die Gänsehaut auf", sagte Fiedler. Schon als Kind habe er jedes WM-Spiel angeschaut. "Es ist eine Ehre, jetzt mit Österreich hier zu sein."

Dafür nimmt sich der Mediziner aus Kukmirn im Südburgenland auch Urlaub. Die Freistellung von seiner Krankenhaustätigkeit beträgt für die Betreuung eines Nationalteams 24 Tage im Jahr - das reicht für den auf Handchirurgie spezialisierten Unfallchirurgen, der in Fürstenfeld auch eine Privatordination betreibt, diesmal bei Weitem nicht aus.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden