Ludwig Hirsch

Sein Manager erinnert sich

Scheibmaier: "Mein Freund Ludwig Hirsch"

Karl Scheibmaier war einer der Letzten, die mit Ludwig Hirsch sprachen.

Erst durch den schrecklichen Sturz aus dem Fenster erfuhr die Öffentlichkeit am vergangenen Donnerstag von Ludwig Hirschs Aufenthalt im Wiener Wilhelminenspital. Der populäre Liedermacher (Dunkelgraue Lieder) und Schauspieler war mit einer Lungenerkrankung – er rauchte viel; dem Vernehmen nach war es Lungenkrebs – eingeliefert worden.

Zwar sollte er schon am Freitag wieder herauskommen, doch war die Rede von einer notwendigen Lungen-Operation im Dezember samt anschließender mehrwöchiger Reha.

Dieser Prozedur entzog sich Ludwig Hirsch durch Selbstmord: Nachdem er am Vorabend noch mit seinem Manager Karl Scheibmaier telefoniert und sich – gleichfalls telefonisch – von seiner geliebten Ehefrau, der Schauspielerin Cornelia Köndgen, verabschiedet hatte, sprang er gegen 7 Uhr morgens aus dem zweiten Stock des Spital-Pavillons.

Neue Pläne
„Sein Tod ist für mich furchtbar“, sagt Manager Scheibmaier, der mit Hirsch mehr als drei Jahrzehnte lang befreundet war und schon wieder Pläne mit ihm gewälzt hat: „Wir haben über das Entstehen einer neuen CD und eine Tournee für 2012 geredet. An der CD hat er bereits geschrieben – sie sollte nächsten September erscheinen –, und gemeinsam haben wir schon an seinen potenziellen Auftritten in Berlin und Hamburg gearbeitet. Wir haben uns so darauf gefreut!“ (mehr im Interview unten)

Schwarzer Vogel
Ludwig Hirsch, 1946 im steirischen Hartberg als Arztsohn geboren, war ein Pionier des „Crossover“. Den talentierten Schauspieler, der Proben seines Könnens am Hamburger Thalia Theater, in der Josefstadt und am Volkstheater gab, zog es aber schon bald aufs Liedermacher-Podest. 1978 feierte er mit dem Album Dunkelgraue Lieder den Durchbruch. In Songs wie Komm großer schwarzer Vogel setzte er sich schon früh mit dem Tod auseinander.

Dem Fernsehpublikum wurde er in Erfolgsserien wie Tatort (Der Millenniumsmörder) oder Kommissar Rex vertraut. Für seine Verdienste wurde er heuer mit dem ­Goldenen Rathausmann gewürdigt.

„Er war voller Humor, Selbstironie und Nachdenklichkeit – vielleicht etwas zu viel Nachdenklichkeit“, beweint Ex-Volkstheater-Direktorin Emmy Werner ihren toten Lieblingsmimen. „Er war ein großer Österreicher und Kollege“, erinnert sich der Komponist Christian Kolonovits, „ich bin so erschüttert, so tieftraurig, dass ich keine Worte finde“.
 

"Er sagte: 'Karli, bitte lass mich sterben!'"

ÖSTERREICH: Es ist ein tragischer Grund, weshalb wir Sie anrufen, Herr Scheibmaier. Ludwig Hirschs Tod …
Karl Scheibmaier: Das ist leider ein sehr trauriger Anlass. Ich muss Ihnen sagen: Für mich ist sein Tod furchtbar.

ÖSTERREICH: Sie waren ja einer der Letzten, die mit Ludwig Hirsch gesprochen haben. Wann war das genau?
Scheibmaier: Ich habe noch am Mittwoch um 18.30 Uhr mit ihm telefoniert. Ich hab ihn ja jeden Tag im Spital angerufen. Ich komme nämlich selbst gerade aus dem Krankenhaus, weil ich mir bei einem Sportunfall die Hüfte zertrümmert habe, und da haben wir uns gegenseitig viel Glück gewünscht. Denn er sollte ja am Freitag schon entlassen werden … Das waren unsere letzten Worte …

ÖSTERREICH: Wie hat er zu diesem Zeitpunkt – wenige Stunden vor seinem Selbstmord – geklungen? Hat er einen sehr deprimierten Eindruck auf Sie gemacht?
Scheibmaier: Natürlich hat er nicht glücklich geklungen. Aber – wer ist schon glücklich im Spital? Und da haben wir uns gegenseitig Mut zugesprochen. Das war’s. Und als ich Donnerstag früh dann über jemand mir nicht wirklich Nahestehenden von seinem Tod erfahren habe, hab ich’s zuerst nicht glauben können. Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein! Das ist doch nicht möglich! Dann hat mich seine Frau (Anm.: die Schauspielerin Cornelia Köndgen) angerufen …

ÖSTERREICH: Stimmt es, dass Ludwig Hirsch Lungenkrebs hatte?
Scheibmaier: Davon habe ich nichts gewusst … Natürlich wusste ich, dass seine Lunge seit Jahren in einem schlimmen Zustand war. Und wir haben ihn auch wiederholt dazu gedrängt, endlich mit dem Rauchen aufzuhören … Aber er hat bis zum Schluss sehr stark geraucht. Sogar am Spitalsfenster hat er noch geraucht …

ÖSTERREICH: 2003 musste Ludwig Hirsch eine Volkstheater-Premiere (Anm.: Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“) krankheitshalber absagen. Sein Kollege Helmut Berger ist damals für ihn eingesprungen. War Hirschs Gesundheit damals schon lädiert?
Scheibmaier: So würde ich das nicht sehen … Dass er keinen „Sportlerkörper“ gehabt hat, ist jedermann klar. Dass er sehr wenig gegessen hat und äußerst zurückhaltend gelebt hat, weiß man auch. Er hat auch immer etwas kränklich ausgeschaut … Aber das war er nicht wirklich. Er hat doch eine ganze Reihe von Konzerten monatelang – ganz allein auf der Bühne oder zu dritt oder zu viert – absolviert und war kein einziges Mal krank! Er hatte eine eiserne Disziplin, ein Durchhaltevermögen – das war unglaublich, das hätte man diesem zarten Körper nie zugetraut!

ÖSTERREICH: Heftige Zäsuren gab es aber trotzdem in seinem Leben, in seiner Karriere …
Scheibmaier: Das stimmt: Einmal musste er tatsächlich eine Volkstheater-­Premiere aus gesundheitlichen Gründen absagen. Und ein anderes Mal kam er ins Spital (Anm.: 2007, Krankenhaus Neunkirchen), weil er zu viele Schlaftabletten geschluckt hatte … Er hatte davor an Schlaflosigkeit gelitten.

ÖSTERREICH: Wie lange kannten Sie Ludwig Hirsch schon? Wie lange waren Sie sein Manager?
Scheibmaier: Ich arbeite jetzt seit 36 Jahren mit ihm zusammen, und ich habe selten einen Menschen – noch dazu einen Mann! – mit so großen Gefühlen und mit so einer Zärtlichkeit erlebt! Er war ein unbeschreiblich toller Mensch. Voll von Ideen, voll von Visionen. Aber auch immer witzig – noch dazu g’scheit witzig! Er hat Sachen von sich gegeben, die einfach unglaublich waren.

ÖSTERREICH: Offenbar war er aber nicht nur sprühend-witzig, sondern auch nachdenklich und melancholisch. Und seine Lieder – wenn man etwa an das Chanson „Komm großer schwarzer Vogel“ denkt – setzten sich auch oft mit dem Tod auseinander …
Scheibmaier: … einen Moment – wir haben noch kurz vor seinem Spitals­aufenthalt über das Entstehen eines neuen Albums und über eine weitere Konzert-Tournee gesprochen! Da war rein gar nichts von Melancholie zu bemerken. An der CD hat er bereits seit einiger Zeit geschrieben – sie sollte nächsten September erscheinen. Und gemeinsam haben wir bereits an seinen Auftritten in Berlin und Hamburg und Schweinfurt gearbeitet – im Norden von Deutschland hatte er auch viele Fans. Und wir haben uns beide schon unheimlich darauf gefreut!

ÖSTERREICH: Wann hätte die nächste Tournee stattfinden sollen?
Scheibmaier: Das wäre Ende September und Oktober 2012 gewesen … Aber, um auf Ihre Frage nach der Melancholie und der Nachdenklichkeit zurückzukommen: Ich erinnere mich noch, wie ich einmal mit Ludwig Hirsch für Fernsehaufnahmen in Bern in der Schweiz gewesen bin. Und wir mussten mit der Eisenbahn zum Flughafen fahren. Wir waren spät dran und rannten durch den Bahnhof. Ich mit dem schweren Koffer bepackt und er ohnehin nur mit einer leichten Umhängetasche. Und nach hundert Metern sagte er: „Karli, bitte lass mich sterben …!“

ÖSTERREICH: Waren Sie erschrocken? Was haben Sie sich damals gedacht?
Scheibmaier: Ehrlich gesagt, nicht viel. Denn so ein Satz war ganz normal für ihn. Und auch ich hatte durch die lange Zusammenarbeit mit ihm schon ein etwas anderes Verhältnis zum Tod, als ich das früher hatte. Denn bei fast jedem Lied von Ludwig Hirsch blinzelt einem doch der Tod zu …