Life-Coach

Alles im Griff? Genau DAS ist Ihr Problem!

Immer stark, immer erreichbar, immer für alle da. Warum Frauen oft im Funktionsmodus leben und sich dabei selbst verlieren, erklärt Bestsellerautorin Mimi Lawrence in ihrem neuen Buch.

Montagmorgen, 7.12 Uhr. Das Frühstück steht auf dem Tisch, die Waschmaschine läuft, im Kopf kreisen noch die Geburtstagsgeschenke für die Schwiegermutter, die Mail an die Kollegin und der Zahnarzttermin des Sohnes. Während der Kaffee kalt wird, fällt der Satz, den viele Frauen täglich sagen: „Ich mach das schon.“ Harmlos klingende Worte, hinter denen oft Erschöpfung, Überforderung und jahrelange Selbstverleugnung stecken.

In ihrem Buch „Ich habe alles im Griff – und genau das ist das Problem“ beschreibt „Spiegel“-Bestsellerautorin Mimi Lawrence, warum gerade Frauen gelernt haben, ständig zu funktionieren: freundlich bleiben, Konflikte vermeiden, Verantwortung übernehmen, alles organisieren – und sich dabei selbst verlieren. Das Buch trifft einen Nerv, weil es nicht nur um Stress geht, sondern um eine stille gesellschaftliche Erwartung: dass Frauen alles schaffen sollen, ohne dabei unbequem zu werden. 

Das Buch ist im Fischer Verlag um 19 Euro erschienen.  

Das Buch ist im Fischer Verlag um 19 Euro erschienen.  

© Fischer Verlag

Im Funktionsmodus

Viele Frauen organisieren nicht nur ihr Leben, sondern auch das emotionale Gleichgewicht aller anderen. Sie spüren, wenn die Stimmung kippt, gleichen Spannungen aus, hören zu, vermitteln und versuchen, es allen recht zu machen. Gleichzeitig läuft im Hintergrund ein unsichtbares Programm: mitdenken, vorausplanen, erinnern, auffangen. Diese permanente innere Bereitschaft wird selten wahrgenommen – weder von außen noch von den Frauen selbst. Mimi Lawrence beschreibt diesen Zustand als eine Art Dauerbetrieb. Viele Frauen hätten früh gelernt, ihren Wert über Verlässlichkeit, Fürsorge und Anpassung zu definieren. Wer alles schafft, gilt als stark. Wer keine Probleme macht, als angenehm. Also wird weiter funktioniert – selbst dann, wenn die eigenen Grenzen längst erreicht sind. Erschöpfung zeigt sich dabei oft unspektakulär: durch Gereiztheit, Schlafprobleme, innere Unruhe oder das ständige Gefühl, selbst in ruhigen Momenten nicht wirklich abschalten zu können. Besonders tückisch ist, dass dieses Verhalten gesellschaftlich belohnt wird. Die Frau, die alles organisiert, immer erreichbar ist und „das schon macht“, gilt schnell als bewundernswert. Gleichzeitig bleibt unsichtbar, wie viel Kraft diese Dauerverantwortung kostet. Viele merken erst spät, dass sie zwar für alle da sind, aber kaum noch für sich selbst. Genau darin liegt die zentrale Frage des Buches: Was passiert, wenn ein Leben nur noch aus Funktionieren besteht? 

Zwischen Terminen, Erwartungen und Verpflichtungen versuchen viele Frauen täglich, alles gleichzeitig zu schaffen.

Zwischen Terminen, Erwartungen und Verpflichtungen versuchen viele Frauen täglich, alles gleichzeitig zu schaffen.

© Getty

Wütend – und jetzt?

Schon früh lernen viele Mädchen, dass sie Anerkennung bekommen, wenn sie brav sind, sich anpassen und Rücksicht nehmen. Nicht auffallen, keine Umstände machen. Daraus entsteht mit der Zeit ein Reflex: Lieber lächeln als widersprechen, lieber zustimmen als anecken. Wer dauerhaft darauf achtet, niemandem zur Last zu fallen, verliert dabei leicht den Zugang zu den eigenen Grenzen. „Nein“ zu sagen fühlt sich dann nicht mehr wie eine einfache Entscheidung an, sondern wie ein Risiko. Und dann taucht oft ein Gefühl auf, das viele kennen, aber nur ungern zulassen: Wut. Mimi Lawrence beschreibt sie als eine der klarsten Emotionen überhaupt – nicht als Problem, sondern als Signal. Sie zeigt, wo Grenzen überschritten werden, was nicht mehr akzeptiert wird und wo etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Entscheidend ist dabei nicht das Unterdrücken oder unkontrollierte Ausbrechen, sondern das bewusste Wahrnehmen dessen, was diese Emotion sichtbar macht. So kann Wut zum Ausgangspunkt werden, um die automatische Anpassung zu unterbrechen. „Es beginnt mit dem einfachen, aber mächtigen Satz: ‚Das mache ich nicht mehr‘“, so Mimi Lawrence.

Nein ist eine Kunst

Das neue Leben hat seinen Preis, warnt Mimi Lawrence. Der Moment, in dem ein Nein ausgesprochen wird, wirkt oft unspektakulär – und hat doch weitreichende Folgen. Denn mit dem Nein kommt nicht nur die eigene Grenze ins Spiel, sondern auch die Reaktion der anderen. Schuldgefühle tauchen auf, ebenso die Sorge, Erwartungen nicht zu erfüllen oder Beziehungen zu belasten, die lange stabil schienen. Rollen verschieben sich, eingespielte Abläufe geraten ins Wanken. Wer es gewohnt war, dass Aufgaben, Organisation oder emotionale Arbeit zuverlässig übernommen werden, reagiert nicht immer verständnisvoll. Echte Beziehungen zeigen sich in dieser Phase besonders deutlich: Dort, wo Anpassung wegfällt, wird sichtbar, was tragfähig ist. Das Leben wird dadurch nicht unbedingt einfacher. Aber es verliert die ständige Überlagerung aus Pflicht und Erwartung – und wird damit, in vielen Momenten, ehrlicher. 

Akzeptieren, dass manches nur „gut genug“ ist!

Akzeptieren, dass manches nur „gut genug“ ist!

© Getty

Perfekt kontroliert

Viele Frauen glauben nicht nur, dass sie alles schaffen müssen, sondern auch, dass sie es möglichst perfekt schaffen müssen. Der Geburtstag der Kinder soll liebevoll organisiert sein, die Arbeit fehlerfrei, die Wohnung ordentlich, die Beziehung stabil und die eigene Erschöpfung bitte unsichtbar. Was nach Ehrgeiz aussieht, ist oft ein tief verinnerlichtes Bedürfnis nach Kontrolle. Mimi Lawrence beschreibt Perfektionismus deshalb nicht als Stärke, sondern als Strategie. Wer alles im Griff behält, vermeidet Konflikte, Kritik oder das Gefühl zu versagen. Besonders Frauen hätten früh gelernt, dass sie Anerkennung bekommen, wenn sie zuverlässig, angepasst und leistungsfähig sind. Also wird weiter organisiert, kontrolliert und optimiert – selbst dann, wenn die Belastung längst zu groß geworden ist. Das Problem: Perfektionismus produziert ständig neue Verantwortung. Wer alles selbst überprüft und verbessert, übernimmt automatisch immer mehr. Andere ziehen sich zurück, weil ohnehin alles kontrolliert wird. Dadurch entsteht ein Kreislauf aus Überforderung und noch mehr Kontrolle. Hinzu kommt ein permanenter innerer Druck. Viele Frauen erlauben sich kaum Fehler oder Pausen. Sogar Erholung wird zur Aufgabe: entspannen, aber bitte effizient. Die Frau, die alles organisiert und scheinbar mühelos bewältigt, gilt als belastbar und bewundernswert. Wie viel Kraft dieser Daueranspruch kostet, bleibt unsichtbar. Lawrence plädiert deshalb dafür, bewusst kleine Unvollkommenheiten auszuhalten. Nicht jede Mail sofort beantworten. Aufgaben delegieren, ohne ständig nachzukontrollieren. Akzeptieren, dass manches nur „gut genug“ ist. Für viele klingt das banal – fühlt sich aber zunächst fast wie Kontrollverlust an.

Loslassen lernen

Der Ausstieg beginnt selten mit einer großen Entscheidung. Meist sind es kleine Unterbrechungen im Alltag, die etwas verändern. Ein Nein ohne lange Erklärung. Zehn Minuten Ruhe ohne Handy. Oder die Erkenntnis, dass nicht jede Bitte automatisch zur eigenen Aufgabe werden muss. Eine der einfachsten Strategien im Buch ist die sogenannte 24-Stunden-Regel. Statt reflexhaft zuzusagen, erst einmal Zeit gewinnen: „Ich denke darüber nach.“ Dieser kurze Abstand hilft, zwischen echtem Wunsch und schlechtem Gewissen zu unterscheiden.

Auch direkte Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Viele Frauen formulieren Bedürfnisse indirekt, um niemanden zu verletzen. Dabei entstehen oft Missverständnisse und zusätzlicher Frust. Klarer werde es mit einfachen Sätzen wie: „Das schaffe ich gerade nicht“, „Ich brauche Unterstützung“ oder „Ich möchte heute Abend Zeit für mich.“ Hilfreich könne außerdem sein, kleine Entlastungen bewusst zuzulassen. Die Spülmaschine bleibt stehen. Das Kind packt die Tasche selbst – auch wenn etwas vergessen wird. Der Partner erledigt Dinge auf seine Weise. Nicht perfekt, aber ausreichend. Gerade Frauen, die jahrelang alles kontrolliert haben, empfinden das zunächst als ungewohnt. Langfristig entsteht dadurch jedoch etwas, das im Alltag vieler verloren gegangen ist: Luft.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Buches: Der eigene Wert hängt nicht davon ab, wie viel man organisiert, auffängt oder aushält. Und so beginnt Veränderung nicht mit einem großen Umbruch, sondern mit einem Satz: Ich bin genug. Ich war es immer.

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