Diashow Nicole Wesner: Knockout statt Burnout

Radikal

Nicole Wesner: Knockout statt Burnout

Attraktive Betriebswirtin wird mit 35 Jahren Profi-Boxerin.

Nicole Wesner ist Akademikerin, sie spricht sechs Sprachen und arbeitete als Produktmanagerin in Wien. Doch dann tauschte sie Powerpoint gegen beinhartes Powertraining und wurde österreichische Staatsmeisterin im Amateur-Boxen.

Am 3. November gibt die Wahlwienerin ihr Profi-Debüt in Darmstadt gegen die Deutsche Tanja Hengstler. Dabei ist eines klar: Sie wird an ihr Limit gehen.

Warum Wesner die schicke Marketing-Welt verlassen hat, um mit 35 noch einmal ganz neu anzufangen, verrät sie im oe24-Interview.

ÖSTERREICH: Du sprichst sechs Sprachen. Wie kommt es dazu?
Nicole Wesner: Ich habe ein Faible für Sprachen. Ich habe schon als Studentin mein ganzes Geld in Reisen gesteckt. Ich habe in Frankreich studiert und in Italien und Belgien gearbeitet. Ich bin mit dem Rucksack durch Südamerika. Dort habe ich mir dann auch Portugiesisch beigebracht – danach habe ich einen Sprachkurs gemacht, um es richtig zu lernen.

ÖSTERREICH: Das heißt, Du kannst Dich mit fast allen Gegnerinnen unterhalten.
Wesner: Ja. Als ich gegen eine Italienerin geboxt habe, konnte ich alle Zurufe ihres Trainers verstehen. Das ist nicht schlecht, wenn man die Sprache der Gegnerin versteht (lacht).

ÖSTERREICH: Was hat Dich nach Wien geführt?
Wesner: Der Job. Ich habe für einen internationalen Konzern als Produktmanagerin gearbeitet. Nach fünf Jahren hätte ich wieder zurück nach Deutschland gehen sollen; aber ich bin hier geblieben.

ÖSTERREICH: Du sprichst viele Sprachen, hast auch etwas „Gescheites“ gelernt – und jetzt boxt Du. Wie das?
Wesner: Ich habe oft 60, 70 Stunden in der Woche gearbeitet und war ausgebrannt, stand kurz vor dem Burnout. Ich bin in ein Fitness-Studio gegangen, um nach der Arbeit runterzukommen, einen Ausgleich zu finden und habe dort alles ausprobiert – Yoga, Pilates, Kampfsport. Beim Boxen wusste ich von der ersten Stunde an: Das ist mein Sport. Weil ich kämpfen wollte, ging ich in einen richtigen Boxclub. Andere sagen: Ich will einmal in meinem Leben diese 42 Kilometer laufen. Mein Ziel war: Ich will einmal in meinem Leben einen richtigen Kampf machen. Erst habe ich täglich trainiert, später zweimal am Tag. Boxen hat einen riesigen Stellenwert in meinem Leben bekommen. Es ist vielleicht nicht der vernünftigste Weg – aber es ist der Weg meines Herzens. Muhammad Ali hat mal gesagt: Champions aren't made in gyms. Champions are made from something they have deep inside them - a desire, a dream, a vision.

© TZ Österreich

"Bin extrem ehrgeizig"

ÖSTERREICH: Hast Du in Deiner Jugend schon Sport betrieben?
Wesner: Bis zur Pubertät habe ich auf Leistungssportniveau Leichtathletik gemacht. Später habe ich Sport nur als Hobby betrieben, unstrukturiert – hier mal Squashen, da mal Laufen. Ich bin eine Quereinsteigerin; habe ja in einem Alter begonnen, da hören andere schon wieder auf. Deshalb gebe ich auch dementsprechend Gas. Ich bin ein extrem ehrgeiziger Typ. Meine Freunde glauben, ich werde Weltmeisterin. Die wissen: Wenn Nicole mal Feuer gefangen hat, dann arbeitet sie so hart, bis sie ganz oben ist. Mein Umfeld ist überzeugt, dass aus mir was wird (lacht).

ÖSTERREICH: Was fasziniert Dich an der Sportart? Boxen ist ja nicht alltäglich...
Wesner: Ich glaube, den meisten Leuten würde Boxen Spaß machen. Wenn man das erste Mal mit der korrekten Technik mit dem Handschuh in eine Pratze reinschlägt – das ist eine schöne Bewegungserfahrung. Das Training ist abwechslungsreich. Man muss Ausdauer trainieren - aber nicht zu viel, denn sonst wird man langsam. Man muss Schnelligkeit trainieren, denn man muss auch schnelle Beine haben, schnelle Hände. Man braucht Kraft, Beweglichkeit, Koordination, Reaktionsvermögen.
Auf den ersten Blick ist der Sport simpel: Es gibt Geraden, Seit- und einen Aufwärtshaken; und es sieht alles nicht schwer aus. Aber es ist ein Schachspiel mit den Händen: Ist der Gegner größer oder kleiner? Mit welcher Strategie gehe ich in den Kampf? Man kann mit Angriffen arbeiten, mit Gegenangriffen, Finten, in verschiedenden Distanzen. Das Ganze geht blitzschnell - und verteidigen muss man auch noch. Man darf nicht nur reagieren, sondern man muss selbst einen Plan haben. Man kann sich sein ganzes Leben mit diesem Sport beschäftigen.

ÖSTERREICH: Ist es für Dich schwierig, das Gewicht zu halten? Hast Du einen speziellen Ernährungsplan?
Wesner: Ich ernähre mich gesund – viel Gemüse, mageres Fleisch. Eben Dinge, die einem der Hausverstand auch sagt. Nach einem Kampf gibt es dann den Moment, wo man sagt: OK, McFlurry, Schokolade (lacht).

ÖSTERREICH: Dein erster Kampf: Wie war es, das erste Mal einer Gegnerin im Ring gegenüberzustehen?
Wesner: Mein erster Kampf kam überraschend. Mein Trainer rief mich an, weil eine Boxerin in meiner Gewichtsklasse für einen Kampf ausgefallen ist. Ich bin eingesprungen und habe gegen eine Italienerin geboxt. Ich war aufgeregt - wie weggetreten. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich geschlagen habe. Da war nichts von Strategie und Taktik. Danach wurde es mit jedem Kampf immer besser, weil man konzentrierter rangeht und das Feedback vom Trainer in den Rundenpausen aufnimmt.

ÖSTERREICH: Wie lief Deine Amateur-Karriere bisher?
Wesner: Ich hatte 12 Kämpfe. Aber ich habe nicht alle gewonnen, weil ich von Anfang an extrem starke Frauen geboxt habe. Es ist schwierig, als Frau überhaupt zu Gegnerinnen zu kommen, da darf man nicht wählerisch sein. Fast jede meiner Gegnerinnen hatte deutlich mehr Kämpfe gehabt als ich.Mein vierter Kampf war im Finale eines internationalen Tuniers gegen eine Frau mit 50 Kämpfen, die in der Weltrangliste an Nummer fünf stand. Mein siebter Kampf war in einem internationalen Tunier im Finale gegen eine Frau, die ihren 70. Kampf bestritt. Die Erfahrungen waren sehr wichtig für mich. Bei den Amateuren muss man die Kampfbilanz auch komplett anders lesen als bei den Profis. Die Profis achten auf einen sauberen Kampfrekord; bei den Amateuren ist es dagegen üblich, dass man 30-40 Prozent der Kämpfe verliert. Wer in seiner Amateur-Bilanz alle Kämpfe gewonnen hat, der ist großen Herausforderungen aus dem Weg gegangen. Eine makellose Bilanz gibt es als Amateur gar nicht.

ÖSTERREICH: Was sind Deine Stärken im Ring?
Wesner: Mentale Stärke und enorme Willenskraft. Wenn man glaubt, man kann nicht mehr, darf man sich nicht gehen lassen, sondern muss das Ding bis zur letzten Sekunde gewinnen wollen. Man geht an die Grenzen. Am Ende entscheidet im Ring oft die mentale Stärke und der Wille siegen zu wollen.

ÖSTERREICH: Wie gehst Du mit der Verletzungsgefahr um?
Wesner: Das ist nicht so schlimm. Zum Beispiel die Nase - weil Frauen immer danach gefragt werden - die Nase ist was ganz Unkompliziertes. Die wächst schnell wieder zu. Dadurch, dass Boxen so vielfältig ist, kann man trotzdem weiter trainieren. Dann geht man Laufen oder macht Kraft. Häufiger als Verletzungen im Gesicht sind solche an der Hand. Das kann passieren, wenn man die Technik nicht richtig ausübt.

ÖSTERREICH: Hast Du keine Hemmungen, Deine Gegnerin im Ring zu schlagen oder auszuknocken?
Wesner: Nein, überhaupt nicht. Beim Tennis versucht man ja auch, den Punkt zu machen und schlägt nicht dahin, wo der Gegner gerade steht. Das ist beim Boxen das Gleiche. Ich schlage nicht dahin, wo die Gegnerin die Hand schützt - sondern dahin, wo ich einen Punkt mache. Klar kann es auch mit Schmerzen verbunden sein. Aber das sieht meist schlimmer aus, als es ist. Im Eifer des Gefechts, voller Adrenalin, spürt man die Schläge nicht so. Gut platzierte Treffer an vitalen Punkten wie Kinn oder Schläfe sind natürlich gefährlich.

ÖSTERREICH: Warum wirst Du jetzt Profi?

Wesner: Für mich ist das die konsequente Fortsetzung von meinem Werdegang. Ich möchte das Boxen noch mehr zum Mittelpunkt meines Lebens machen.

ÖSTERREICH: Hat das auch damit zu tun, dass es - wie Du gesagt hast – schwierig ist, im Amateur-Bereich Gegner zu finden?
Wesner: Ich hatte einen sehr engagierten Trainer, der geschaut hat, dass ich zu Kämpfen komme. Aber als Frau ist es nicht einfach. Ich habe mich auf viele Kämpfe vorbereitet, die dann nicht stattgefunden haben. Dadurch habe ich viel Trainingszeit verloren.

ÖSTERREICH: In Deiner Gewichtsklasse (Leichtgewicht) sind 85 Frauen als Profis eingetragen. Was willst Du als Profi erreichen?
Wesner: Ich möchte nächstes Jahr unter den Top 10 von Europa sein. 2014 will ich den ersten Titelkampf.

ÖSTERREICH: Dein erster Profi-Fight ist in Darmstadt...
Wesner: Ja, aber ich will auch Kämpfe in Österreich machen. Österreich ist meine boxerische Heimat.

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"Boxen war Liebe auf den ersten Blick"

ÖSTERREICH: Einem Profi, der von seinem Sport lebt, unterstellt man ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Man muss auch Entbehrungen in Kauf nehmen. Wie ist das bei Dir? Du hast ja vorher auch ein „normales“ Leben gehabt...
Wesner: Ich habe den Vorteil, dass ich später angefangen habe. Ich brauche das Fortgehen nicht mehr. Ich plaudere lieber mit Freunden in der Küche anstatt in einer Disko rumzuhängen. Natürlich sind da Entbehrungen: Zum Beispiel die Freunde auch quantitativ weniger zu sehen.

ÖSTERREICH: Stichwort Wille: Wie überwindest Du den „inneren Schweinehund“?
Wesner: Den habe ich seltenst. Eher frage ich den Trainer, ob ich nicht doch noch eine Einheit machen kann. Wenn man so eine Vision hat wie Ali - wenn man ganz nach oben will - dann hat man kein Motivationsproblem.

ÖSTERREICH: Ist dieser starke Kopf bei Dir erst jetzt entstanden, oder hattest Du den immer schon?
Wesner: Meine Freunde haben gesagt: Das ist total verrückt, was die Nicole jetzt macht. Aber die wissen: Wenn die das wirklich will, dann packt die das auch. Das war schon immer so. Wenn mich etwas wirklich packt, dann gebe ich alles dafür. Und Boxen war Liebe auf den ersten Blick.

ÖSTERREICH: Ein später erster Blick... Hättest Du gern mehr Zeit?
Wesner: Hätte ich den Sport früher entdeckt, wäre ich nicht die Nicole, die ich jetzt bin. Andererseits ist es ein beruhigendes Gefühl, dass man was studiert hat und Berufserfahrung hat. Dafür nehme ich den Sport genauer: Die Auswertung der Kämpfe, die Ernährung. Ich nehme das Training nicht auf die leichte Schulter. Mir hat ein Sportpsychologe gesagt, dass Leute, die für ihren Sport ein Handicap haben - wie es bei mir als Quereinsteigerin ist -  oft die sind, die sich am meisten reinhängen und oftmals die erfolgreichsten sind. Weil die wissen, dass sie nochmal eins drauflegen müssen.
Mit 18 möchte man tolle Klamotten und ein eigenes Auto. Diese Dinge sind mir nicht mehr wichtig. Das macht mich nicht glücklich. Die Reife, das zu erkennen, hilft schon sehr. Ich hoffe natürlich, dass ich Sponsoren finde, damit ich mir den Sport finanzieren kann. Ob ich damit jemals reich werde, ist ein großes Fragezeichen – aber das ist nicht das, was mich antreibt.

ÖSTERREICH: Der urzeitliche Instinkt „Kampf oder Flucht“ steckt ja immer noch in uns allen. Du bringst Dich  selbst in eine Situation, in der Du kämpfen musst. Gibt es nicht Situationen, in denen Du lieber flüchten würdest?
Wesner: Damit habe ich mich auch schon beschäftigt. Es ist ja nicht natürlich, was man da macht. Schon in meinem vierten Kampf musste ich gegen die Weltranglisten-Fünfte boxen – eine sehr starke Frau, sehr explosiv. Ich habe schon vorher gesehen, was die kann. Aber ich dachte nicht an Flucht. Ich wusste, das wird ein Kampf, bei dem ich gut verteidigen muss (lacht). Mein Trainer hat immer das Handtuch in der Nähe gehabt. Das war eine extreme Herausforderung zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Ich habe diesen Kampf verloren, aber nicht durch K.o., ich bin über die Runden gegangen. Dieser Kampf war so wichtig für meine sportliche Karriere, für mein Selbstbewusstsein. Das hängt aber auch mit dem Vereins- und Trainer-Umfeld zusammen. Bei mir gab es nie die Frage, ob wir eine Gegnerin jetzt boxen oder nicht. Es wird geboxt, was da ist. Ich habe noch nie daran gedacht, zu einem Kampf nicht anzutreten.
Kampfsport macht selbstbewusst. Deswegen ist diese Sportart das Richtige für viele Mädchen. Es gibt so viele, denen ein bisschen Selbstbewusstsein so gut tun würde. Ich würde mein Kind, wenn es ein Mädchen wäre, ins Boxen stecken. Um das Mädchen müsste ich mir keine Sorgen machen. Die würde erst gar nicht in die Situation kommen, bedrängt zu werden. Und wenn einmal was ist, dann hätte sie auch kein Problem damit, zuzuschlagen.

ÖSTERREICH: Frauen-Boxen war 2012 erstmals olympisch. Ausgerechnet der kubanische Boxverband – dessen Ausbildung als eine der besten der Welt gilt – hat keine Boxerinnen nach London geschickt. Begründung: Der Boxsport ist nicht geeignet für Frauen.
Wesner: Kuba hat kein Profi-Boxen, die haben nur das olympische Boxen. Für eine Nation, die auf einem derart hohen Niveau trainiert, ist das angestrebte Ziel Medaillen bei den olympischen Spielen zu holen. Wenn man ein Geschlecht hat, mit dem man nicht ganz nach oben gehen kann, dann ist klar, dass da nicht viel investiert wird. Nach meiner Information ist Kuba sehr wohl dran, bei den Frauen nun, da das Frauen-Boxen olympisch ist, einiges aufzuziehen.
Frauen-Boxen an sich ist schon sehr polarisierend. Ich habe alles Mögliche an Kommentaren gehört. Nicht jeder hat die richtige Perspektive zu dem Sport. Nicht jeder sieht den Sport im Sinne von Messen von technisch-taktisch-strategischen Fähigkeiten – viele sehen einfach nur den Gewaltaustausch. Und das verbinden die Leute nicht unbedingt mit einer Frau. Es gibt welche, die sagen, eine Frau sollte das nicht machen. Die haben ihr Bild von der Gesellschaft – und das passt nicht rein. Das ist Klischee-Denken. Es gibt andere, die finden das klasse. Frauen finden das meist toll, wenn eine Frau boxt. Aber auch Männer. Ein durchschnittlich sportinteressierter Mensch schaut sich immer wieder mal Boxkämpfe an. Boxen ist nicht umsonst ein Sport, der zur Primetime in vielen Sendern gezeigt wird.

ÖSTERREICH: Stichwort Regina Halmich. Die ist ja durch das Boxen bekannt geworden und nach ihrer Box-Karriere zur Celebrity geworden. Kokettierst Du auch mit diesem Weg? Sieht man Dich vielleicht irgendwann bei Dancing Stars?
Wesner: Das hat ja meist eine Eigendynamik. Ich weiß nicht, ob die Regina Halmich das so geplant hat. Ich glaube, Stefan Raab hat über das Frauen-Boxen ein paar Bemerkungen gemacht – sie als Boxerin durch und durch hat ihn dann herausgefordert. Ich konzentriere mich jetzt einmal auf den Sport. Wenn ich gefragt werden würde, ob ich bei Dancing Stars mitmache – ich glaube schon, dass ich mir das überlegen würde.

ÖSTERREICH: Bei den Profis geht es im Gegensatz zu den Amateuren auch um den Image-Faktor. Die Deutsche Susi Kentikian trägt beispielsweise den Beinamen „Killer Queen“. Hast Du Dir schon ein Image zurechtgelegt?
Wesner: Man muss schon authentisch sein. Ich bin vom Typ nicht die knallharte Lady, die jetzt jeden im Ring ausknockt will. Auch wenn ich das aus sportlicher Sicht natürlich schon will, aber das ist nicht mein Auftreten, wie ich mich oder den Sport präsentiere, auch wenn ich das vollkommen ok finde, wenn andere diesen Weg gehen, that is part oft the game.
Ich möchte Boxen bestmöglich repräsentieren, weil ich glaube, dass viele Leute ein falsches Verständnis von dem Sport haben. Wenn ich etwas tun kann, um den Leuten die richtige Perspektive zu geben und auch neue Fans für den Sport zu begeistern, dann würde mich das freuen.

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