Stunk im Team

Pogatetz fliegt aus Nationalteam

Der ÖFB hat auf die Kritik von Emanuel Pogatetz an Josef Hickersberger reagiert. Der Middlesbrough-Legionär ist nicht mehr im Team.

Emanuel Pogatetz hatte mit einer ungewohnt scharfer Kritik am österreichischen Fußball-Teamchef Josef Hickersberger für Aufregung gesorgt. Der Middlesbrough-Legionär stellte das taktische Verständnis des früheren Rapid-Meistermachers in Frage, kritisierte gleichzeitig auch die Strukturen im ÖFB und nahm dafür auch in Kauf, dass er bei der Heim-EURO 2008 wohl nicht im Kader stehen wird.

Pogatetz nicht mehr im Team
ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger zeigte sich überrascht und zieht Konsequenzen: "Ich habe Pogatetz am Mobiltelefon erreicht und mit ihm ein Gespräch geführt. Er ist überzeugt, mit seiner Vorgehensweise richtig zu liegen und wirkt sehr beleidigt. Somit bleibt nur die Konsequenz, dass Emanuel Pogatetz in Zukunft nicht mehr im Nationalteam spielen wird."

Pogatetz habe gegen eines der fundamentalsten Gesetze im Mannschaftssport verstoßen. Es sei in keiner Weise akzeptabel, dass ein Spieler den Trainerstab und/oder Mitspieler öffentlich in dieser Art und Weise attackiert, so Hickersberger.

"Hicke ist schuld"
Den 23-Jährigen ärgerten die Aussagen von "Hicke" nach der blamablen 0:1-Niederlage gegen Venezuela am Mittwoch im Rahmen des Vierländer-Turniers in der Schweiz. "Mich hat gestört, dass er gesagt hat, die Mannschaft ist schlecht und er kann nichts machen. Wenn er den Spielern die Schuld gibt, muss ich sagen, dass es eigentlich umgekehrt ist."

Ländermatch wie Schularbeit
Der Steirer hält Hickersberger im taktischen Bereich nicht für ausreichend kompetent. "Fast alle Teamspieler sind bei ihren Klubs Leistungsträger und spielen dann im Team drei Klassen schlechter. Das liegt daran, dass bei einem Verein jeder weiß, was er zu tun hat. Im Nationalteam gehen wir ohne taktische Vorgaben ins Spiel, wie ein Schüler, der für eine Schularbeit nichts gelernt hat ", sagte Pogatetz.

"In einem Länderspiel ist jeder völlig auf sich allein gestellt, es gibt im Vorfeld keine taktischen Aufgaben", sagte der Verteidiger und erzählte von Mannschaftssitzungen vor einem Länderspiel. " Wenn man vor dem Spiel eine Besprechung macht, einem die besten Spieler des Gegners vorgestellt werden und danach gesagt wird, dass die eigentlich gar nicht mitspielen, dann fragt man sich schon, was das soll", so Pogatetz.

Hicke ahnungslos
Der frühere GAK-Spieler hat seine persönlichen Lehren aus den jüngsten Länderspielen gezogen. "Der Einzige im ÖFB-Trainerstab, der von Taktik wirklich eine Ahnung hat, ist Willi Ruttensteiner. Ich verstehe nicht, warum es nicht eine Verteilung der taktischen Aufgaben geben könnte, zum Beispiel, dass Andi Herzog mit der Offensive trainiert und Peter Persidis mit der Defensive."

Mental-Trainer gefordert
Außerdem forderte Pogatetz die Einstellung eines Mental-Trainers, wie es zuvor schon der mittlerweile nicht mehr im ÖFB-Kader aufscheinende Paul Scharner verlangt hatte. "Die Mannschaft steht unter großem Druck, die Heim-EM ist auch eine hohe Belastung. Und es gibt keinen, der uns auf diese große Aufgabe vorbereitet. Es macht mich traurig und zornig, dass vom ÖFB nicht daran gedacht worden ist."

Laue Selbstkritik
Pogatetz übte zwar im Hinblick auf seine eigenen Leistungen im Nationalteam Selbstkritik, gab aber auch zu bedenken: " Es ist 1.000:1, wenn ich zum Verein zurückkomme. Da spiele ich besser, weil ich einfach besser vorbereitet wurde", erklärte der Verteidiger und betonte, Österreichs sei "sicher nicht schlechter als Costa Rica, Venezuela oder Kanada."

Ivanschitz "kein Kapitän"
Das Problem im ÖFB-Team sei nicht, dass die Führungsspieler fehlen. "Wir haben die Führungsspieler, aber ihnen gegenüber gibt es vom Teamchef kein Entgegenkommen." Kapitän Andreas Ivanschitz zählt Pogatetz nicht zu den markanten Persönlichkeiten. "Er hat momentan Probleme und ist derzeit sicher kein Kapitän. Da gehören andere her, zu denen man aufschaut, wie zum Beispiel Martin Stranzl, der die Dinge so anspricht, wie sie sind. Aber für den ÖFB ist ein Kapitän Ivanschitz angenehm, da wird niemand kritisiert."

Sollte im ÖFB nicht bald ein Umdenken einsetzen, sieht Pogatetz für die Zukunft schwarz. "Wenn wir so weitermachen, bekommen wir gegen Liechtenstein Probleme und scheiden bei der Europameisterschaft in der Gruppenphase aus", prognostizierte der 22-fache Teamspieler (1 Tor).

Teamkarriere vorbei?
Der Steirer ist sich der Konsequenzen seiner Aussagen bewusst. "Ich glaube einfach, es ist notwendig, dass einer diese Dinge anspricht. Ich bin bei der EURO ohnehin die ersten beiden Spiele gesperrt, also muss halt ich die Krot' fressen", sagte Pogatetz, betonte aber auch, dass er diese Äußerungen nicht im Auftrag anderer tätigte.

"Mir ist es lieber, ich bin bei der EURO nicht dabei, als wir machen so weiter wie bisher. Auf dem Weg, auf dem wir uns befinden, haben wir keine Chance. Wenn das für mich Folgen hat, akzeptiere ich sie. Wenn es das Nationalteam nur einen Schritt nach vorne bringt, hat es sich ausgezahlt" , so Pogatetz.

England-Legionäre im Out
Damit wird Österreich die Heim-EM aller Voraussicht nach ohne die beiden aktuellen Premier-League-Legionäre in Angriff nehmen. Die "Ära Scharner" war bereits nach dem Ungarn-Länderspiel im August (1:2) beendet worden. "Mit dem, was er gesagt hat, hat er im Grunde Recht gehabt, auch wenn es nicht in Ordnung war zu sagen, er will nicht mehr für das Nationalteam spielen", sagte Pogatetz.

Weiters betonte der 23-Jährige, er habe kein persönliches Problem mit Hickersberger. "Im Gegenteil, er ist der netteste Mensch, der nie einen zusammenschreien würde. Aber manchmal ist es nicht schlecht, wenn man einen hat, der einen in den Arsch tritt", ergänzte Pogatetz, der am Samstag mit Middlesbrough auswärts auf Arsenal trifft.

Hickersberger reagiert
Josef Hickersberger nahm zu den Vorwürfen in einer Aussendung Stellung und zeigte sich überrascht: "Ich bin sehr überrascht, dass Pogatetz solche Aussagen trifft, da er in den vergangenen zehn Tagen in der Schweiz nicht einmal eine Andeutung in diese Richtung machte. Es wundert mich daher, dass er nicht zuerst bei mir klarere taktische Anweisungen für seine Position eingefordert beziehungsweise ein Gespräch gesucht hat", sagte der Teamchef.

"Natürlich gab es auch für die beiden Spiele im Rahmen des Vier-Länderturniers in der Schweiz klare Vorgaben", betonte Hickersberger. "Dass Auslandsprofis und generell Nationalspieler die Grundprinzipien der taktischen Ausrichtung bei einem 4-4-2-System aber kennen, habe ich - zumindest bis jetzt - als selbstverständlich vorausgesetzt."

Kein Anschluss unter...
Emanuel Pogatetz war bis Freitagabend für Teamchef Hickersberger telefonisch nicht erreichbar. "Daher möchte ich auch öffentlich nichts über die Konsequenzen für Pogatetz sagen, sondern sie ihm vorher in einem persönlichen Gespräch mitteilen" , erklärte der ehemalige Rapid-Meistermacher.