Neue Direktorin offeriert 2026/27 acht Premieren im Haupthaus, sechs in den Kammerspielen und sieben Wiederaufnahmen - Kaufmännischer Direktor Mehrens: "Die Rahmenbedingungen sind gut."
Unter ihm sei das Theater in der Josefstadt "relativ rot geworden", hatte Langzeit-Direktor Herbert Föttinger einmal gesagt. Nimmt man das neue Corporate Design des Theaters zum Maßstab, kann man sagen: Die neue Chefin Marie Rötzer setzt diesen Kurs fort. Rot als Signalfarbe beherrscht das Spielzeitbuch, das heute vorgestellt wurde, und auf dem ein großes Auge abgebildet ist. "Das Auge ist natürlich das Zuschauerauge", so Rötzer. Es stehe für Wachsamkeit und Aufmerksamkeit.
Marie Rötzer
Die Vorstellung der acht Premieren im Haupthaus, sechs Premieren in den Kammerspielen und sieben Wiederaufnahmen aus dieser Spielzeit umfassenden Vorhaben ihrer ersten Saison im Malersaal ("Ein Ort, wo kollektive und kreative Arbeit stattfindet. Am Theater ist alles Teamarbeit.") nahmen auch Kulturminister Andreas Babler und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) persönlich in Augenschein. Der Spielplan sei "vielversprechend und klug zusammengestellt", lobte Babler und sah sich gar als Zeitzeuge eines historischen Moments, übernehme doch nun erstmals in der Geschichte des Hauses eine Frau dauerhaft die Direktion (1825/26 gab es eine interimistische Leiterin). Kaup-Hasler versicherte, auch in schwierigen Zeiten für die Josefstadt da zu sein: "Wir werden Sie immer gut begleiten."
Andreas Babler
Kleineres Ensemble "eine inhaltliche Frage"
Als später der aus Braunschweig in die Josefstadt wechselnde neue Kaufmännische Direktor Stefan Mehrens zu der finanziellen Situation des Hauses befragt wurde ("Die Rahmenbedingungen sind gut. Wir haben gute Rahmenbedingungen vorgefunden, um die erste Spielzeit zu planen. Was die Zukunft bringt, werden wir dann sehen."), war die Politik nicht mehr anwesend. 2026 erhält das Theater 12,7 Mio. Euro von der Stadt Wien und 10,7 Mio. Euro vom Bund. Mehrens rechnet mit "stabil" bleibenden Subventionen, ohne auf die Bedeutung dessen angesichts steigender Kosten einzugehen. Dass das Ensemble von 46 auf 36 Darstellerinnen und Darsteller reduziert wurde (27 davon wurden übernommen), sei aber "eine inhaltliche Frage", sagte Rötzer: "Ich finde diese Größe sehr passend - es ist eine flexible Größe. Am Theater gibt es eben nicht so viele Hauptrollen. Aber das Ensemble lebt!"
Veronica Kaup-Hasler
Insgesamt habe man bei neuen Engagements ans Haus "sehr darauf geachtet, dass wir mehr Frauen engagieren", zudem werde es auch viele Gäste geben. Zwei hob Rötzer besonders hervor: Der Nino aus Wien wird in Dominique Schnizers Inszenierung von Nestroys "Das Mädl aus der Vorstadt" als Musiker und Schauspieler mitwirken (Robert Meyer spielt den Schnoferl), die in Film und Fernsehen höchst erfolgreiche Verena Altenberger wird in der Österreichischen Erstaufführung "Inter alia" von Suzie Miller ("Die Machtfrage zwischen Männern und Frauen wird hier neu gestellt.") die Hauptrolle spielen. Neu im Fixensemble sind u.a. Lili Winderlich, Olivia Grigolli, Johanna Martini und Lukas Holzhausen.
Start mit Schnitzler und Turrini
Rötzers Eröffnungspremieren sind in vielfacher Hinsicht programmatisch zu verstehen: Am 3. September wird im Theater in der Josefstadt mit "Komödie der Verführung" nicht nur ein großes Ensemblestück gespielt, sondern auch der österreichischen Literatur, die besonders gepflegt werden soll, gehuldigt. Die ungarische Regisseurin Ildikó Gáspár will den Abend u.a. mit Musik aus der "Csardasfürstin" auch zum musikalischen Erlebnis machen. Am 5. September wird in den Kammerspielen der Josefstadt mit jenem Autor eröffnet, der mit einer Uraufführung die Föttinger-Ära beendete: Peter Turrini. Anna Stiepani inszeniert "Der tollste Tag". Am 12. September folgt ein Theaterfest an beiden Häusern.
Marie Rötzer
Es sei "ein Programm, das viel Neues bietet, aber auch viele Kontinuitäten hält", charakterisierte Rötzer ihre Vorhaben, mit denen sie die Josefstadt als "DAS relevante Literaturtheater Wiens" positionieren will, in dem neben Österreichischem auch Zeitgenössisches im Vordergrund steht, man sich weiterhin zum Ensembletheater bekennt und mit neuen Regiekräften wie Jossi Wieler, Stefan Pucher oder Daniela Löffner auch neue Ästhetiken einziehen sollen, "sinnlich, spielerisch und bildstark".
"Theater hilft auch gegen das Altern!"
Die Josefstadt "soll ein Theater für alle sein, für ganz Wien, für ganz Österreich": "Wir suchen danach, wo Wien heute als Stadtgesellschaft und Österreich als Teil Europas steht", gleichzeitig wolle man sich nicht nur lokal, sondern auch international vernetzen und "verstärkt mit Regisseurinnen und Regisseuren aus dem internationalen Raum zusammenarbeiten": "Wir begreifen uns als Kulturbotschafter", sagte die neue Direktorin, die auf der Probebühne die Zusammenarbeit mit dem Reinhardt Seminar fortsetzt, lebende und tote Autorinnen "ans Licht" holen will, Theatervermittlung als neuen Bereich installiert hat, und auch eine allgemeine Frohbotschaft zu verkünden hatte: "Theater hilft auch gegen das Altern!"
Marie Rötzer
In den Kammerspielen möchte Rötzer "lustvoll, sinnlich, aber mit Haltung" Broadway-like agieren (was so auch ihr Vorgänger wollte) und bietet dafür etwa "Letzte Runde. Bernstein und Karajan im Hotel Sacher" von Peter Danish mit Günter Franzmeier und Michael Dangl in den Hauptrollen, ein Auftragswerk von Teresa Präauer ("Guten Abend, Herr Morgan!" ist "eine Art Biopic" eines jüdischen Künstlers, "der im Gebäude der Kammerspiele geboren und aufgewachsen ist und dort auch gespielt hat"), den dramatisierten Episodenroman "Glücklich die Glücklichen" von Yasmina Reza oder "Carmen darf nicht platzen" als "weibliche Version von 'Othello darf nicht platzen'" an.
Marie Rötzer ist jedenfalls optimistisch. Und so klingt auch ihr Generalmotto: "Mit Mut, Zuversicht und Gestaltungswillen für eine bessere Welt."