Am 20. Juli feiert Howard Carpendale auf der Seebühne Mörbisch sein Zusatzkonzert in Österreich. Er selbst steht seit 60 Jahren erfolgreich auf der Bühne und verrät im Gespräch mit oe24, warum er denkt, dass die Branche keine Zukunft hat.
Howard Carpendale (80) blickt auf eine beeindruckende, jahrzehntelange Karriere zurück. Doch der Schein trügt: Hinter den Kulissen treibt den Altmeister des Entertainments eine tiefe Sorge um die Zukunft der Musiklandschaft um. Anlässlich seines bevorstehenden Zusatzkonzerts auf der Seebühne Mörbisch am 20. Juli sprach der Musiker im Interview mit oe24 überraschend offen über den dramatischen Wandel der Branche und fand dabei alarmierende Worte.
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Die bittere Realität des Streaming-Zeitalters
Während Carpendale selbst nach wie vor Hallen und Open-Air-Bühnen füllt – sein jüngster Auftritt in der Wiener Stadthalle wurde von der Kritik als „weltklasse“ gefeiert –, sieht er für den musikalischen Nachwuchs schwarz. "Die Musikbranche befindet sich im Moment in einer sehr gefährlichen Situation", warnt der Sänger. Die deutsche Musik sterbe regelrecht aus, da die großen Streaming-Plattformen internationale, vor allem amerikanische Künstler weitaus wichtiger nehmen würden. Während man hierzulande stolz auf 20 Millionen Streams sei, jongliere man in den USA mit Milliarden.
Die Konsequenz dieser Entwicklung lässt sich laut Carpendale bereits an den Hitparaden ablesen: Ein Blick in die aktuellen deutschen Charts zeige, dass sich unter den ersten 100 Plätzen oft nur noch zwei deutsche Titel befinden. Für junge Talente sei die Lage beinahe aussichtslos. Zwar bleibe als einziger Ausweg das Live-Geschäft, doch ohne einen echten Hit im Rücken sei es extrem schwer, Hallen zu füllen. Auf die Frage, was er jungen Musikern heute raten würde, antwortete Carpendale mit einer gehörigen Portion bitterem Zynismus: "Ich würde ihnen empfehlen, Basketball spielen zu lernen" – das sei im Zweifel sinnvoller als eine Musikkarriere.
Distanz zum Party-Schlager und ESC-Frust
Seinen eigenen, über Jahrzehnte anhaltenden Erfolg führt Carpendale vor allem auf ein Wort zurück: Authentizität. Das Publikum müsse glauben, was ein Künstler singt und sagt. Genau deshalb hat sich der Wahllurch in den vergangenen 15 Jahren auch bewusst vom modernen „Party-Schlager“ distanziert, bei dem es nur noch um Dauerfeuer und Stimmung gehe. Er habe sich der Herde verweigert und stattdessen auf "Geschichten und tiefgründige Texte" gesetzt.
Sarah Engels
Wenig abgewinnen kann der Routinier auch dem Eurovision Song Contest, den er als „sehr leidiges Thema“ bezeichnet. Zwar schaue er ab und zu rein und erkenne an, dass Millionen Menschen ihren Spaß daran haben, für ihn selbst wäre eine Teilnahme aber niemals infrage gekommen.
Vorfreude auf Mörbisch ohne viel Privatleben
Trotz aller Branchen-Skepsis freut sich Carpendale spürbar auf das Gastspiel im Burgenland. Die Seebühne Mörbisch verspreche eine weitaus lockerere Atmosphäre als eine geschlossene Halle. Bei einem Open-Air gehe es nicht "um die absolute, technisch durchgestylte Perfektion, sondern um die direkte Chemie mit dem Publikum und eine entspannte Stimmung".
Viel Zeit, um die berühmte kulinarische Seite des Neusiedler Sees oder den burgenländischen Wein privat zu genießen, wird dem Star allerdings nicht bleiben. Die Band wird zwar voraussichtlich am Vorabend anreisen, doch direkt nach dem Konzert geht es im Auto zurück nach München. Der Grund für den nächtlichen Marathon ist pragmatischer Natur: Tagsüber, so Carpendale, seien die Autobahnen einfach viel zu voll.