Experten-Legende

ORF-Knaller: Darum will Prohaska nicht zum WM-Finale

Ex-ÖFB-Teamchef würde mit Blick auf WM 1998 nichts anders machen und verzichtete auf Reise zum WM-Endspiel. 

Die jüngere WM-Geschichte des ÖFB-Teams ist untrennbar mit dem Namen Herbert Prohaska verbunden. 1978 und 1982 war Österreichs Jahrhundert-Fußballer als Spieler dabei, 1990 als Attaché von Coach Josef Hickersberger und 1998 als Teamchef. Seine Erkenntnis aus diesen vier Turnieren lautet: "Für Außenseiter, zu denen wir gehören, ist klar: Das erste Match ist richtungsweisend", sagte der bei der diesjährigen Endrunde als ORF-Experte tätige 70-Jährige der APA.

Prohaska weiß, wovon er spricht. Die Endrunden 1978 und 1982 begannen mit Siegen und brachten Aufstiege in die nächste Turnierphase, dafür war 1990 nach einer Niederlage und 1998 nach einem Remis jeweils mit der Gruppenphase Endstation. "Mit einem Erfolg im ersten Spiel gegen Jordanien hast du weniger Druck und kannst gegen Argentinien befreit aufspielen. Wenn du gegen Jordanien nicht gewinnst, beginnt schon der Druck, und das will keiner", sagte der Wiener.

Keine Angst vor Argentinien

Man dürfe Jordanien keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen, ebenso wenig wie den letzten Gruppenrivalen Algerien. "Es wird gegen alle drei Gegner schwierig. Wer bei der WM dabei ist, ist sicher stark." Gegen die Argentinier hält Prohaska eine Überraschung für nicht ausgeschlossen. "Die kann man am Anfang einer WM vielleicht erwischen, das hat man 2022 auch gesehen." Damals startete der spätere Weltmeister mit einem 1:2 gegen Saudi-Arabien.

In dieser Partie blieb Messi trotz eines Elfmetertores farblos, danach aber steigerte sich der achtfache Weltfußballer und führte die "Albiceleste" zum heiß ersehnten Titel. Der Offensivstar, der seine WM-Teilnahme noch nicht offiziell bestätigt hat und derzeit offenbar mit einer Blessur zu kämpfen hat, zeigt bei Inter Miami trotz seiner bald 39 Jahre regelmäßig starke Auftritte. Von seinem einstigen Leistungsvermögen ist er allerdings schon deutlich entfernt.

Dass Messis Einsatz dem pressingstarken ÖFB-Team entgegenkommen könnte, weil Argentinien das Spiel auf den großen Star ausrichtet und dadurch leichter ausrechenbar ist, glaubt Prohaska nicht. "Mir wäre es lieber, wenn er gegen uns nicht dabei ist. Er läuft zwar nicht zurück und macht kein Pressing, aber wenn er den Ball hat, brennt der Hut. Für mich gehört er nach wie vor zu den Weltbesten."

Prohaska rät von Taktieren ab

Sollte es nach Papierform laufen, Österreich gegen Jordanien gewinnen und danach gegen Argentinien verlieren, könnte vor dem Algerien-Match - das gemeinsam mit Argentinien gegen Jordanien letzte Gruppenspiel der WM - eine interessante Konstellation entstehen. Es ist denkbar, dass der Gruppendritte einen leichteren Gegner erhält als der Zweite, der es im Sechzehntelfinale wohl mit Spanien zu tun bekommt. "Aber da sollte man nicht taktieren. Wenn man gegen Spanien spielen muss, ist es halt so. In den K.o.-Spielen ist immer einiges drin", betonte Prohaska.

Der einstige Mittelfeld-Regisseur geht von einem Aufstieg in die nächste Turnierphase aus. "Wir haben fast nur noch Legionäre. Deswegen sind wir gut, weil sie Woche für Woche schwere Spiele haben." Dazu komme mit Ralf Rangnick der passende Trainer. "Das Zusammenspiel zwischen Teamchef und Mannschaft ist wunderbar, weil Rangnick den Spielern seine Art von Fußball vermittelt hat und die Spieler sehen, dass sie damit Erfolg haben."

Vergleiche zwischen der aktuellen Auswahl und den vergangenen ÖFB-WM-Teams wollte Prohaska nicht anstellen. "Das ist nicht möglich, weil sich der Fußball zu sehr gewandelt hat", meinte die Austria-Ikone, ergänzte aber auch: "Das Team von 1978 war schon eine ganz besondere Mannschaft, fast alle von uns haben im Ausland Karriere gemacht. Und auch im heutigen Fußball wären sie alle Spitzenspieler."

"Herzog hat uns im Prinzip zur WM geschossen"

Während die Cordoba-Generation für Furore sorgte, wurde die 1998er-Truppe ihren Vorschusslorbeeren nicht gerecht. Prohaska musste sich nach dem frühen Abschied aus dem Turnier in Frankreich Kritik gefallen lassen, weil er auf arrivierte, aber nicht in Topform befindliche Akteure wie Toni Polster oder Andreas Herzog gesetzt hatte. Dafür hatte es für das damals blendend gelaunte "magische Dreieck" von Sturm Graz, Ivica Vastic, Mario Haas und Hannes Reinmayr, nur relativ wenig Spielzeit gegeben. "Aber ich würde nichts anders machen. Das magische Dreieck hat bis dahin praktisch keine Rolle im Nationalteam gespielt, und Herzog hat uns im Prinzip zur WM geschossen", erklärte Prohaska.

Ebenfalls kalt lässt Prohaska, dass nach der WM 1998 von einigen Kickern das WM-Quartier moniert wurde - der ÖFB-Tross war in einem abgeschiedenen Hotel in der Gegend von Bordeaux untergebracht. "Was hätten wir anderes gebraucht? Wir hatten ein schönes Hotel und gute Trainingsplätze. Wir waren dort, um Fußball zu spielen."

Prohaska bei WM 1994 "fast verendet"

Bei der WM vier Jahre zuvor war der Wiener als Zaungast dabei, er beobachtete in den USA die Partien des damaligen EM-Quali-Gegners Irland. "Daher weiß ich, was auf die Spieler zukommt - eine unglaubliche Hitze. Im Stadion von Orlando bin ich auf dem Weg auf die Tribüne hinauf fast verendet", erinnerte sich Prohaska. "Deshalb glaube ich auch nicht, dass bei dieser WM viele Mannschaften Pressing spielen werden."

Das ÖFB-Team bestreitet die erste Partie im klimatisch angenehmen Santa Clara bei San Francisco, die zweite im heißen Dallas, dessen Stadion allerdings ein verschließbares Dach hat und dadurch klimatisiert ist. Erst in Kansas City werden David Alaba und Co. so richtig mit der Hitze Bekanntschaft machen. Auch an vielen anderen Spielstätten wie etwa am Finalort New York sind hohe Temperaturen zu erwarten. Das ist aber nicht der Grund, wieso Prohaska das Angebot des ORF, als Experte zum Endspiel zu reisen, dankend ablehnte. "Bei den ganzen Sicherheitsvorkehrungen kommt man wahrscheinlich erst nach fünf Stunden ins Stadion und nach fünf Stunden wieder raus. Darauf kann ich gerne verzichten."

Fehler im Artikel gefunden? Jetzt melden.
Auf sport24 finden Sie täglich die aktuellen Berichte und News aus der Welt des Sports – von Fußball bis Tennis, von Formel1 bis US-Sports. Dazu gibt es die Ergebnisse, Daten und Tabellen im Überblick. So bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
OE24 Logo
Es gibt neue Nachrichten