Kohl belastet Totschnig und Hoffmann

Doping-Affäre

Kohl belastet Totschnig und Hoffmann

Nächster Knalleffekt in der Doping-Affäre. Bernhard Kohl soll nicht nur seinen Ex-Manager, sondern auch die Kollegen Georg Totschnig und Christian Hoffmann belasten.

Spätestens seit gestern herrscht in der heimischen Sportszene das große Zittern. Bei einer kurzfristigen Pressekonferenz im Wintergarten des Café Landtmann fuhr Kohl mit schweren Geschützen vor allem gegen seinen mittlerweile inhaftierten Ex-Manager Stefan Matschiner auf. Bereits am Tag davor, am Montag, hat der gestürzte Radheld bei der fünfstündigen Einvernahme durch das Bundeskriminalamt die wahre Bombe gezündet.

Die NADA wird noch am Dienstag über ihr weiteres Vorgehen gegen die Doping-Sünder Kohl und Hütthaler entscheiden (mehr dazu hier).

Totschnig genannt
ÖSTERREICH-Recherchen ergaben, dass der 27-jährige Niederösterreicher zwei weitere prominente Sportler belastet hat. Dabei soll es sich um den bereits zurückgetretenen Radsportler Georg Totschnig und den noch aktiven Langläufer Christian Hoffmann handeln. Besonders pikant: Totschnig soll unmittelbar vor seinem Etappensieg bei der Tour de France 2005 einen Blutbeutel für eine unerlaubte Bluttransfusion bezogen haben. Der Tiroler sorgte damals für den ersten Etappensieg eines Österreichers seit 1931. Sowohl für Totschnig als auch Langläufer Hoffmann gilt freilich die Unschuldsvermutung.

Kohl bei Humanplasma
Kohls Hinweise haben letztlich zur Festnahme des oberösterreichischen Sportmanagers Matschiner geführt. Wie ÖSTERREICH in der Dienstag-Ausgabe berichtete, hatte Kohl bei seiner Einvernahme durch die SoKo Doping des Bundeskriminalamts umfassend ausgepackt. Was er dann, begleitet von Freundin Tatjana, bei der gestrigen Pressekonferenz bestätigte. Dem nicht genug: Kohl erklärte, dass er mit Matschiner im Wiener Blutplasma-Institut "Humanplasma" war, welches im Zuge der Turin-Affäre 2006 in die Schlagzeilen geraten war. Kohl wörtlich: "Ich war mit Matschiner dreimal dort."

Laut Kohls Anwalt Manfred Ainedter soll Matschiner die Agenden von "Humanplasma" nach deren Schließung übernommen haben. Von dort soll auch Matschiners Blutzentrifuge für Blutdoping stammen, die von Kohl um 20.000 Euro mitfinanziert wurde. Auch Langläufer Hoffmann soll an der Zentrifuge beteiligt gewesen sein.

Blutzentrifuge bereits ins Ausland geschafft
Laut Angaben von Anwalt Franz Essl soll sich die Blutzentrifuge, deren Erwerb neben Bernhard Kohl auch dessen Radsport-Kollege Michael Rasmussen mitfinanziert haben soll, bereits im Ausland befinden. "Matschiner hat nach Einführung des neuen Anti-Doping-Gesetzes dieses Gerät ins Ausland weggeschafft", sagte Rechtsanwalt Essl.

Höchststrafe
Matschiner, der nach seiner Rückkehr aus Florida gestern früh verhaftet wurde, steht laut Staatsanwaltschaft Wien unter "dringendem Verdacht der Weitergabe von Dopingmitteln". Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft, bestätigt, dass Matschiner "noch im letzten dreiviertel Jahr mit Dopingmitteln gehandelt" habe. Im Klartext: Matschiner, für den die Unschuldsvermutung gilt, drohen bei einer Verurteilung nach dem neuen Anti-Doping-Gesetz (seit 8. August 2008 in Kraft) bis zu fünf Jahre Haft.

Netzwerk
In der Sportszene dürfte kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Nach den brisanten Aussagen von Kohl wurde eine geheime Doping-Liste auf 15 Namen erweitert. Bei der Staatsanwaltschaft spricht man sogar von fast zwei Dutzend Verdächtigen. Bei den Ausdauersportlern soll es sich um Athleten aus dem Bereich Rad, Triathlon und Leichtathletik handeln.

Während weitere Verhaftungen im Raum stehen, brach auch Manager Matschiner sein Schweigen. Nach der gestrigen Inhaftierung gab er an, keine Dopingmittel wie EPO an Kohl und Triathletin Lisa Hütthaler weitergegeben zu haben. Aber an Bluttransfers für Kohl will er beteiligt gewesen sein.

ÖSTERREICH: Herr Kohl, was werfen Sie Ihrem Ex-Manager Stefan Matschiner vor?
Bernhard Kohl: Matschiner hat an mir Blutdoping betrieben und mir die Mittel EPO, Wachstumshormone, Testosteron und Insulin verschafft. Mein CERA-Lieferant war Matschiner aber nicht. Das habe ich vor den Beamten der SoKo Doping so ausgesagt. Deshalb ist er auch schlussendlich verhaftet worden.
ÖSTERREICH: Wann haben Sie das erste Mal gedopt und wie kam der Kontakt zu Matschiner zustande?
Kohl: Er wurde mir von einem Sportkollegen empfohlen. Den ersten Kontakt gab es 2005 und da habe ich unter seiner Anleitung auch das erste Mal gedopt. Meines Wissens war er sehr gut von einem Arzt eingeschult. Den Namen des Arztes, der ihn auf die Geräte eingeschult hat, kenne ich aber nicht. Den hat mir Matschiner auch nie genannt. Bei der Behandlung selbst war auch nie ein Arzt mit dabei.
ÖSTERREICH: Wie viel haben Sie Herrn Matschiner für seine Dienste bezahlt?
Kohl: Über die Jahre werden das an die 50.000 Euro gewesen sein. Ich habe auch eine Blutzentrifuge für ihn mit 20.000 Euro mitfinanziert. Die wurde von insgesamt drei Sportlern finanziert. Andere durften sie gegen eine Einlage mitbenutzen. In Sachen Blutdoping wurde ich von Herrn Matschiner drei- bis viermal behandelt. Außerdem war ich mit ihm dreimal bei Humanplasma in Wien.
ÖSTERREICH: Hat eine Behandlung auch noch nach der Tour de France im August 2008 stattgefunden?
Kohl: Ja. Im September des Vorjahres.
ÖSTERREICH: Die Staatsanwaltschaft Wien spricht von fast zwei Dutzend Verdächtigen. Wie viele Namen haben Sie genannt?
Kohl: Die Staatsanwaltschaft beschäftigt sich nicht nur mit dem Spitzensport, sondern auch mit dem Hobbysport. Da werden scheinbar viele Namen genannt. Ich habe der Kripo alle mir bekannten Hintermänner genannt. Eine Zahl will ich nicht nennen, da die Ermittlungen laufen und Verdunkelungsgefahr besteht.
ÖSTERREICH: Haben Sie nach Ihrem Outing Angst?
Kohl: Ich hoffe, dass ich keine Angst haben muss. Aber ich verspüre schon ein mulmiges Gefühl. Ich vertraue den Behörden, dass mir nichts passiert. Ich habe Fehler gemacht, aber ich bin deshalb kein Schwerverbrecher.

Keine weiteren Verhaftungen in Profisport-Szene absehbar
Nach der Verhaftung des Sportmanagers Stefan Matschiner und der bereits in der Vorwoche erfolgten Inhaftierung des ehemaligen ÖSV-Trainers Walter Mayer dürften in der Doping-Affäre vorerst keine weiteren im Profisport-Bereich tätigen Personen im Gefängnis landen. Das sagte Gerald Tatzgern, der Sprecher des Bundeskriminalamts (BK), am Mittwoch.

Die Erhebungen der "SoKo Doping" könnten sich allerdings über die Staatsgrenzen hinaus ausweiten. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Ermittlungen ins Ausland führen", stellte Tatzgern fest.